Alhambra

Ein zu Stein gewordener Traum aus

Tausendundeiner Nacht

Für mich gehören die Alhambra und der Generalife, hoch über den Häusern der Altstadt von Granada gelegen, zu den wundervollsten Orten der Welt. Es gibt sicher nur wenige Menschen, die sich nicht von den herrlichen Bauwerken und den einzigartig schönen Gärten verzaubern lassen. Wer einmal in Granada gewesen ist, wird immer wieder kommen. Auch wenn die Zeiten, in denen die Mauren über Andalusien herrschten, seit Jahrhunderten vorbei sind, etwas von ihrer Lebensart hat sich in diesem Landstrich erhalten.

Es heißt, das Sultan Boabdil weinte, als er 1492 die Alhambra den Katholischen Königen Ferdinand von Aragon und seiner Gemahlin Isabella von Kastilien übergeben musste, nachdem die Mauren auch Granada verloren hatten. Und das dürften nicht die einzigen Tränen gewesen sein, die um Granada und Andalusien geweint wurden, denn mit der Niederlage der Mauren hielten Inquisition und Intoleranz Einzug.

Der Ursprung der Alhambra reicht weit ins 9. Jahrhundert zurück, als die Emire von Córdoba auf einem etwa 14 Hektar großen Plateau eines Ausläufers der Sierra Nevada eine Zwingburg errichteten, von der aus sie das Land regierten. Nach und nach wurden die Zwingburg und das ebenfalls auf dem Hügel liegende Wohnviertel mit einer gemeinsamen, etwa zwei Kilometer langen Mauer umschlossen. Gebäude von einmaliger Schönheit wurden über Jahrhunderte hinweg innerhalb der Mauer errichtet, prächtige Gärten angelegt. Schon bald übertraf diese neue Alcazaba den königlichen Palast, der auf dem gegenüberliegenden Albaicin, Teil der heutigen Altstadt von Granada, lag. Der Ort war für einen Festungsbau hervorragend geeignet. Im Norden fiel der Fels zum Fluss Darro steil ab. Die Eingangstore in der Südseite waren durch dicke Mauern geschützt. Von den Wehrtürmen aus, besonders vom Torre de la Vela, hatten die Bewacher der Festung einen großartigen Blick über die Umgebung.

Man nennt die Alhambra auch die Rote Festung, weil ihre Mauern im wandelnden Licht der Tageszeiten in den verschiedensten Rottönen erstrahlen. Das Rot stammt aus dem eisenhaltigen Ton, aus dem die Ziegelsteine für die Mauern gebrannt wurden.

Es grenzt an ein Wunder, dass die Paläste der Alhambra erhalten blieben, denn islamische Bauten, ausgenommen Moscheen und Koranschulen, waren nicht für die Ewigkeit gedacht. Paläste wurden oft nach dem Tod des Herrschers dem Verfall preisgegeben und an anderer Stelle ein neuer erbaut. Nicht so in der Alhambra. Man vermutet, dass das damit zusammenhängt, weil es sich bei der Alhambra um einen Ort handelte, der strategisch zu wertvoll gewesen ist, um ihn aufzugeben.

Dennoch sind auch die Paläste in der Alhambra nur aus sehr vergänglichem Material erbaut worden: Lehmziegel, Holz und Stuck. In einer Legende heißt es, dass die Alhambra nur durch einen Zauber ihre Schönheit bewahrt hat. Vielleicht lag der Zauber darin, dass die christlichen Eroberer die Alhambra als Siegestrophäe über die Mauren erhalten wollten. Trotzdem wäre sie vermutlich im Laufe der Jahrhunderte zerfallen, wenn man nicht ihren Wert als Freilichtmuseum entdeckt hätte.

Um die Alhambra zu schützen, wurde sogar vor einigen Jahren eine Begrenzung der Besucherzahlen pro Tag eingeführt. Es ist besser, wenn man einen Besuch in der Alhambra plant, die Eintrittskarten in der Hochsaison schon einige Monate vorauszubuchen.

Außerhalb der Alcazaba, der Burganlage, besteht die Alhambra aus einem Wirrwarr scheinbar willkürlich zusammengewürfelter Säle, Gänge, Kammern, Bäder und Innenhöfe. Zwischen ihnen liegen wunderschöne kleine Gärten mit Brunnen, Wasserbecken und Wasserspielen. Die Höfe und Gärtchen sind vom Duft der Blumen und dem Rauschen des Wassers erfüllt. An welcher Stelle man sich in einem der Innenhöfe auch aufhält, immer fällt der Blick auf die faszinierenden Stuckschnitzereien der Fenster und Arkaden, die roten Ziegeldächer und das dunkle Grün der Bäume.

Man kann nicht anders als bewundernd durch die Zimmer und Säle der Alhambra gehen. In ihrem offiziellen Teil, in dem der Herrscher Gesandte empfing und Hof hielt, ist die Pracht kaum noch zu überbieten. Die Stalaktitendecken, die herrlichen zu geometrischen Figuren zusammengesetzten Kacheln und die Schriftbänder in arabischer Kalligraphie verwandeln die Räume in ein wahrgewordenes Märchen.

Heute ist von der einstigen Einrichtung der Paläste nichts mehr vorhanden, doch früher gab es in ihnen Diwane, geschnitzte Tische, Hocker aus Ebenholz und Elfenbein, dazu Öllampen aus Glas und dergleichen mehr.

Hinter den offiziellen Gemächern, in denen Staatsgäste empfangen und wie in einem überlieferten Fall auch ermordet wurden, lag der Harem, der Wohnbereich des Herrschers, mit prächtigen Bädern und Höfen. Von den, den Räumen vorgelagerten Balkonen, konnten die Bewohner den Ausblick auf die Gärten und das umliegende Land genießen. Im Saal der ‚Zwei Schwestern’ fordert einer der Verse an den Wänden die Besucher auf, die Pracht dieses Raumes zu beachten. ‚Betrachte die wundervolle Kuppel, bei deren Schönheit andere Kuppeln verblassen. Das Sternbild der Zwillinge grüßt sie, und der Vollmond tritt seine Stelle ihr ab.’

Viele Gebäude, die früher in der Alhambra standen, existieren nicht mehr, weil sie im Laufe der Jahrhunderte zerfielen, oder ganz bewußt von den Siegern abgetragen wurden. So fiel ein Großteil der Gebäude dem Bau des Palastes von Karl V. zum Opfer, der sich inmitten der Alhambra wie ein Fremdkörper ausnimmt. Hier gibt es keine schlanken Säulen, keine Stuckschnitzereien, keine verwinkelten Gärten mit Wasserspielen und Räume, die durch ihre Schönheit erhaben wirken, sondern nur massive Steinquader und Marmor. Der Palast verdankt sein Entstehen einer Laune Karl V., der mit seiner Gattin in Granada einige Wochen verbringen wollte. Es gefiel ihm hier so gut, dass er sich entschloss, die Stadt zu seinem Wohnsitz zu machen. Und auch für das Kloster San Franciso und die Kirche Iglesia de Santa Maria mussten maurische Bauten weichen.

Außerhalb der Alhambra und doch zu ihr gehörig, liegt der Generalife, ein Gartenschloss der maurischen Könige, eingebettet in bezaubernde Gärten mit Zypressenalleen, Wasserspielen und einzigartigen Blumenarrangements. Früher war der Generalife mit der Alhambra durch einen Gang verbunden, der entlang der Gärten der übrigen Villen und Sommerschlösschen führte. Von ihnen ist heute nichts mehr erhalten. Nur der Generalife hat überdauert. Sein Name leitet sich vermutlich von ‚Gennat-Alarif’ (Garten des Architekten) ab.

Der deutsche Romantiker Clemens von Brentano schrieb unter dem Titel ‚Alhambra’ hundertzwei Verse, von denen ich einige hier wiedergeben möchte.

„Ich ziehe leis durch die Alhambra,

der Blumensäulen Traumpalast,

ein Weihrauchwölkchen, süß wie Ambra,

schweb ich beim Märchen hier zu Gast.

 

Wer bin ich denn, bin ich die Wonne,

die hier ihr Traumgezeit gespannt,

bin ich ein Strahl der heißen Sonne,

sich kühlend auf des Springquells Rand?

 

Bin ich ein Gast aus diesen Hallen?

Ein Vogel, der im Laub dort singt?

Bin ich dort aus dem Nest gefallen,

Ein Täubchen, das die Flügel schwingt?

 

Beschlossnes Gärtchen aller Wonne,

wo keusch der Mond im Brunnen spielt

und sich der Strahl der Mittagssonne

im Schoß der vollen Rose kühlt.

 

Ja, Sultan Boabdil weinte, als er die Alhambra verlassen musste, um ins Exil zu gehen. Ich kann das sehr gut verstehen, denn es gibt kaum etwas Vergleichbares auf der Welt.