Aus dem Buch ‚An einem Freitagabend’ von Anita Friedrich

 

Gibt es altes Brot

Nach einer wahren Begebenheit

Ein Wirrwarr schwarzer Locken, blaue Augen, die ängstlich und herausfordernd zugleich blickten, und zu kurze Hosen, in der Taille mit einer Schnur zusammengehalten, das war Thomas. Wenn er etwas sagen wollte, so musste er drei, vier Anläufe nehmen. Meistens fragte man ihn trotzdem: „Was hast du gesagt?“ Oft wurde er auch ausgelacht. „Seht mal, der kann ja nicht mal richtig sprechen“, war noch das Freundlichste, was er zu hören bekam.

Thomas lebte Mitte der Fünfziger Jahre mit seiner Familie in einem der Flüchtlingslager, die nach dem Krieg überall in Deutschland entstanden waren. In den hohen, abgewirtschafteten Räumen der ehemaligen Kaserne hausten je nach Kinderzahl zwei oder drei Familien. In einem der Gebäude gab es eine Schule. Unter ihr im Keller befand sich der Kindergarten.

Nach seinem sechsten Geburtstag wurde Thomas im Lager eingeschult. Dass er kaum sprechen konnte, interessierte weder Lehrerin noch Rektor, solange sie am Schluss des Schulgebets ein deutliches ‘Amen’ hören konnten. Sie ahnten nicht, dass er dieses ‘Amen’ sehr lange mit seiner Schwester geübt hatte.

Nach dem Unterricht blieb sich Thomas wie die meisten Kinder im Lager ziemlich selbst überlassen. Es gab keinen Spielplatz auf dem Gelände. So mussten sie sich mit dem begnügen, was sie hatten: Ein paar Bäume, auf denen man herumklettern konnte, Wäschestangen, kahle Höfe und die höchstens einen Meter hohen und breiten labyrinthartigen unterirdischen Gänge, die von einem Gebäude zum anderen führten. Wegen Einsturzgefahr war von der Lagerleitung das Betreten dieser Gänge verboten worden, aber niemand hinderte die Kinder daran, in ihnen herumzukriechen.

An ein, zwei Tagen in der Woche sammelten die Buben altes Brot und tauschten es auf den umliegenden Gehöften gegen Milch ein. Die Bauern hassten die Flüchtlinge, da sie um ihre Felder, Wiesen, Gärten und Obstbäume fürchteten, doch das alte Brot nahmen sie gerne entgegen.

Thomas beteiligte sich meistens am Brotsammeln, obwohl er nur selten etwas davon hatte, da das Brot von den Älteren zu den Bauern gebracht wurde und man ihn beim Austeilen der Milch ganz einfach übersah. Wenn es Thomas etwas ausmachte, so ließ er es sich nicht anmerken. Er wurde so oft wegen seines schlechten Sprechens ausgelacht und ins Abseits gedrängt, dass er glücklich war, wenigstens beim Brotsammeln dabei sein zu dürfen.

Es gab einen alten Mann im Flüchtlingslager, der im Krieg zwei Tage verschüttet gewesen war und seitdem als sonderlich galt. Er lebte mit der Familie seiner Tochter und einer weiteren im letzten Block der Kaserne.

Der alte Willi hielt sich gerne bei den Kindern auf, brachte ihnen allerlei Spiele bei und kümmerte sich nicht darum, wenn man sich über ihn lustig machte. Wie Thomas gehörte er nicht dazu und so blieb es nicht aus, dass die beiden sich fanden, was schon bald Anlass zu Gerüchten gab. Thomas erhielt das Verbot, auch nur in die Nähe des alten Willi zu kommen, und Willi wurde es untersagt, sich bei den Kindern zu zeigen.

Willis Tochter war das Gerede wegen ihres Vaters leid. Sie beantragte bei der Lagerverwaltung, dass er in einem Block untergebracht wurde, in dem die unverheirateten, kinderlosen und verwitweten Männer lebten. So musste Willi sein Bündel schnüren und in ein Zimmer mit neunzehn anderen alten Männern ziehen. Es lag im vierten Stock, und da er gehbehindert war, konnte er die vielen Stufen kaum bewältigen. Auch der Blick aus einem der beiden Fenster blieb ihm verwehrt, da dort die Betten von anderen standen, die ihren Platz eifersüchtig verteidigten. So kämpfte er sich – wann immer er konnte – die zwanzig Stufen zum Dachboden hinauf und starrte vom dortigen Fenster sehnsüchtig in den Hof.

Thomas vermisste seinen großen Freund und trotz seiner Sprachschwierigkeiten bekam er heraus, wo er Willi finden konnte. In der Pause verzichtete er auf sein Brot, weil er es dem alten Mann bringen wollte.

Gleich nach der Schule rannte Thomas zu dem Block, in dem Willi jetzt lebte. Er polterte die Treppen zum vierten Stock hinauf und schaute in jedes Zimmer. „Willi? … Willi?“, fragte er immer wieder undeutlich, aber mehr als ein Schulterzucken oder ein: „Junge, lern erst mal sprechen“, bekam er nicht zur Antwort.

Doch Thomas dachte nicht daran aufzugeben. Er stieg auch noch die Treppe zum Dachboden hinauf. „Willi!“, rief er. „Willi!“

Willi konnte ihm nicht mehr antworten. Er hing am obersten Dachbalken, das Gesicht dem kleinen, runden Fenster zugewandt, von dem aus er so oft in den Hof hinuntergestarrt hatte.

Am nächsten Tag wurde wieder Brot gesammelt. Auch Thomas war dabei. Er hatte mit keinem darüber gesprochen, dass sich Willi erhängt hatte, es wohl auch nicht richtig begriffen. Als man Willi am Morgen gefunden hatte, waren die meisten Kinder in der Schule gewesen.

Die Kinder gingen von Block zu Block, von Zimmer zu Zimmer. Immer war es Thomas, der nach dem Brot fragte, weil die älteren Buben erst vor zwei Tagen zum letzten Mal gesammelt hatten und zudem fanden, dass seine undeutliche Frage nach altem Brot lustig und bedauernswert zugleich klang.

Sie klopften auch an die Tür des Zimmers, in dem Willis Tochter lebte. Die Tochter öffnete selbst. Das schwarze, sackartige Kleid, das sie trug, hatte sie aus der Kleiderkammer geholt. Empört starrte sie Thomas an. „Was willst du denn hier?“, fragte sie lang gezogen.

Thomas holte tief Luft und setzte dreimal zum Sprechen an, bevor er etwas hervorbrachte, dass in den Ohren der Tochter klang wie: „Ist der Alte tot?“

„Ist der Alte tot?“, wiederholte sie fassungslos. Ihr Gesicht wurde erst weiß, dann rot. Sie hob die Hand und versetzte dem Buben eine so heftige Ohrfeige, dass er gegen seine Kameraden stolperte, die gleich darauf johlend davonrannten. „Ist der Alte tot! … Ist der Alte tot!“, schrien sie, doch über Thomas’ Lippen kam nie wieder ein Wort.