Leseprobe aus dem Kinder-/Jugendbuch

Ilona wird Kibbuznik

Einen kleinen Handkarren hinter sich herziehend liefen Mariamne und Ilona durch den Kinderbezirk. Überall begegneten ihnen Kinder, die alle irgendwie beschäftigt waren. Keines schien müßig zu gehen. Aus den Kindergärten der Kleinen drangen muntere Stimmen. Ilona hoffte, irgendwo Michael zu sehen. Sie konnte ihn nirgends entdecken. “Vielleicht spielt er drinnen”, meinte Mariamne.

Als sie den Wohnbezirk der Erwachsenen betraten, sprang ihnen Biever entgegen. Er wollte sich überhaupt nicht mehr beruhigen und ließ sich sogar von Mariamne streicheln.

Deborah Stein war zu Hause. Unter ihren Händen hatte sich das kleine Haus schon etwas ver­ändert. In beiden Zimmern standen Blumen, auf den Tischen lagen Decken und in den Bücherregalen hatte sie die ersten Bände eingeordnet. Sie bot den beiden Mädchen Limonade und Kekse an. “Gefällt es dir im Jugendhaus, Loni?”, fragte sie.

“Mm”, machte Ilona. Sie konnte noch nicht sagen ob es ihr gefiel oder nicht. Zuviel Neues stürmte auf sie ein. Auf dem Sofa lagen ihre Sachen. Gemeinsam mit Mariamne trug sie alles nach draußen in den Handkarren. Dann sagten sie ‘shalom’ und zogen den Karren zum Jugendhaus. Biever lief ihnen nach. “Nimm ihn mit”, schlug Mariamne vor. Das ließ sich Ilona nicht zweimal sagen.

Ilona war den ganzen Vormittag mit dem Aus- und Einpacken ihrer Sachen beschäftigt. Die Kommode und das Bücherbrett erwiesen sich als viel zu klein. Widerwillig trug sie einige Bü­cher und Spiele in den Gemeinschaftsraum, andere tat sie beiseite, um sie am Nachmittag zu ihren Eltern zu mitzunehmen. Bievers Steuermarke, seine Leinen und Halsbänder legte sie in die Hundetragetasche, einschließlich der bestickten und gehäkelten Kissenbezüge, die sie im Laufe des vergangenen Jahres für ihn angefertigt hatte.

“Ist das alles für einen Hund?”, staunte Mariamne. “Was ist denn das?” Sie hielt ein gestricktes Etwas aus roter Wolle in den Händen.

“Bievers Mantel. Im Winter ist es bei uns sehr kalt.” Ilona schob die Tragetasche unter ihr Bett. “Muss ich wirklich überall meine Nummer einsticken?”, fragte sie mit einen verzweifelten Blick auf den neben ihr liegenden Wäsche- und Kleiderhaufen.

Mariamne nickte. “Sonst weiß in der Kleiderkammer niemand, wem die Sachen gehören.” Sie hatte schon mit dem Zeichnen von Ilonas Sachen begonnen. Es ging ihr ganz flink von den Händen. “Wir müssen ja nicht alles heute machen”, meinte sie trö­stend, als sie sah, wie widerwillig Ilona nach einer Bluse griff.

Beide arbeiteten schweigend. Biever lag halb schlafend vor der Tür. Sein linkes Auge ruhte auf Ilona und sein rechtes Ohr war aufgestellt, in der Hoffnung, dass sie ihn rufen würde. Schade, sie schien keine Zeit für einen kleinen Hund zu haben!

Nach einer Stunde stand Mariamne vom Bett auf und blickte zufrieden auf den Wäscheberg, den sie gezeichnet hatte. Ilonas Häufchen nahm sich dagegen mehr als kläglich aus. “Hören wir für heute auf”, schlug sie vor.

Gemeinsam räumten sie Wäsche und Kleider in Ilonas Kleiderfach im Flur. Dabei stellte Ilona fest, dass sie bedeutend mehr zum Anziehen besaß, als die anderen Kinder. Würde ihr es in ein oder zwei Jahren genauso ergehen, wenn ihre mitgebrachten Kleider zu klein geworden waren? Niedergeschlagen blickte sie in Mariamnes Fach, das mit dem ihren eine gemeinsame Tür hatte. Sie schien um die Hälfte weniger Wäsche und auch nur zwei Kleider zu besitzen.

Inzwischen war es Mittag geworden. Nach und nach fanden sich die Kinder im Jugendhaus ein. Einige waren schmutzig und verschwanden gleich unter der Dusche, andere zogen sich mit einem Buch oder Spiel zurück, um die letzten Minuten bis zum Essen auszufüllen.

Gabi und Shulamit deckten die Tische, Rifka kam mit einem Handkarren vom Chadar Ochel und brachte das Mittagessen. Es gab Suppe, Nudeln, eine Art Gulasch und Essigfrüchte. Dazu wurde aus henkellosen Tassen eiskaltes Wasser getrunken. Beim Essen ging es wie schon beim Frühstück sehr laut zu. Es wurde durcheinander gelacht und gesprochen. Ilona fühlte sich fremd. Sie konnte die anderen nicht verstehen und glaubte, man würde über sie lachen. Den Tränen nahe stocherte sie auf ihrem Teller herum.

Am Nachmittag gingen die meisten Kinder baden. Givat Moshe besaß einen großen, von einer Wiese umgebenen Swimmingpool. “Morgen gehen wir auch”, versprach Mariamne. “Heut möchte ich dir noch unsere Wirtschaft zeigen.

Unsere Wirtschaft, dachte Ilona wütend, das wird schon was sein! Sie wäre bedeutend lieber zum Baden gegangen, als in der Sonnenglut durch die Siedlung geführt zu werden.

Als erstes besuchten sie den Zoo, der mit Hilfe eines Erwachsenen von den Kindern unterhalten wurde. Die Kinder säuberten die Ställe, sorgten für das Futter und betreuten die Anlagen in­nerhalb des Geheges. Der Zoo beherbergte Affen, Papageien, Wellensittiche, Kanarienvögel, Enten, Gänse, einige zahme Rehe, Esel, Pfaue mit prächtigen bunten Federn und eine Steinbockfamilie. Da alle Tiere sehr zutraulich waren, fiel es Ilona nicht schwer, sich mit ihnen anzufreunden. Sie hob eine Pfauenfeder auf, um sie später Michael zu schenken.

Nach dem Zoobesuch ging es zu den Plantagen. Mehrere Kinder pflückten Äpfel. Ein höchstens fünfzehn Jahre alter Junge fuhr auf einem alten Traktor durch die Baumreihen. Ein anderer, der auf einem der kleinen Wagen saß die vom Traktor gezogen wurden, sprang wenn das Fahrzeug hielt, ab und sammelte die vollen Eimer ein.

Ein Stück weiter standen mit dicken, violetten Früchten behangene Zwetschgenbäume. Unter einigen lagen Leitern und Eimer. “Sie müssen bald geerntet werden”, sagte Mariamne allwissend.

Es war schön im Schatten der Bäume zu laufen und zu träumen. Ilona hörte nur mit halbem Ohr auf die Erklärungen ihrer Zimmerkameradin. Sie war mit ihren Gedanken wieder einmal bei ihren Freundinnen in Wien. Ob sie überhaupt noch an sie dachten? Bisher hatten sie noch nicht geschrieben. “Möchtest du einen Pfirsich?”, schreckte Mariamne sie aus ihren Träumen.

“Nein. Ja, doch.”

Mariamne reckte sich an einem Baum hoch und pflückte zwei der apfelsinengroßen, herrlich saftigen Früchte. “Du musst ihn abputzen”, sagte sie. “Das Obst ist gespritzt.” Sie bearbeitete ihren eigenen mit einem Zipfel ihres Hemdes. Ilona machte es ihr nach.

“Die Oliven werden fast ausschließlich von uns geerntet”, sagte Mariamne, nachdem sie noch in einer kleinen Traubenpflanzung gewesen waren, und sich nun auf dem Rückweg befanden. “Wir können besser klettern als die Erwachsenen. Es ist eine ziemlich mühsame Arbeit, weil die Oliven so klein sind.”

“Kann man sie nicht vom Baum schütteln?”

  “Oh, nein. Oliven sind sehr empfindlich. Wenn sie Druckstellen haben, können sie nicht mehr eingelegt werden.” Mariamne blickte auf ihre Uhr. “Was habe ich dir noch nicht gezeigt?”, dachte sie laut. “Ach, ja, die Hühner und die Rosen.”

“Rosen?”

“Ja, allerdings nicht die Rosen, die hier überall wachsen, sondern die in den Treibhäusern. Die Großen haben vor einigen Jahren angefangen, Rosen für den Export zu züchten. Wir probieren es seit zwei Jahren auch.”

Sie gelangten zu einem kleinen Hühnergehege nahe dem Kinderbezirk. Ilona hatte gestern schon die großen Hühnerhäuser der Siedlung gesehen, doch das hier war etwas anderes. Es wirkte irgendwie putzig und in Gedanken lächelte sie ein wenig über den Ernst, mit dem Mariamne sie überall herumführte. Es schien, als wollten die Kinder von Givat Moshe mit Gewalt das Leben der Erwachsenen nachahmen.

Nach der Besichtigung der Rosen – Mariamne hatte sorgfältig darauf geachtet, dass sie keines der kostbaren Gebilde berührte – ging es zu einem viereckigen Gebäude im Kinderbezirk. Es hatte nur zwei große hellgestrichene Räume. An den Wänden standen Klappstühle. Es gab einige Regale mit Tonscherben, die die Kinder bei Ausgrabungen gefunden hatten, ein mit Zettel behange­nes Brett und Fotografien von der Siedlung. Vor den Fenstern hingen grüne Vorhänge. Das war also das vielgerühmte Versammlungshaus der Kinder, in dem Filmvorführungen stattfanden, Vorträge gehalten wurden und in dem man sich auch zu Veranstaltungen und Festen traf! Wie konnte man nur auf diese kargen Räume so stolz sein?

* * *

Ilona machte sich mit Biever auf den Weg zu ihren Eltern. Es war kurz nach vier. Sie hatte es eilig nach Hause zu kommen. Beim Kindergartenhaus lief ihr Michael in die Arme. Aufgeregt erzählte er ihr von seinen neu­en Freunden, der Metapelet und den Erlebnissen des Tages. Er schien weder seine Eltern, noch sie vermisst zu haben. “Dani hat ein Tretauto. Er will es mir zeigen”, sagte er.

Während die Geschwister Hand in Hand durch die Anlagen gingen, sprach Michael nur noch vom Tretauto.

Immer wieder begegneten ihnen Mütter und Väter, die ihre Kinder abholten. Halb Givat Moshe schien auf dem Weg von oder zum Kinderbezirk zu sein. Die jüngeren Frauen trugen Schurzhosen und Hemden, die älteren meist einfache Hauskleider. Die Männer waren genauso leger gekleidet. Irgendwie erinnerte es Ilona an Camping. Ob ihr Vater und ihre Mutter auch so herumliefen? Sie konnte es sich nicht vorstellen.

Auch die Mutter trug Hosen, wenn auch lange, und darüber einen bunten Kasack. Ihre Haare hatte sie im Genick zusammengesteckt. “Da seid ihr ja schon”, sagte sie. “Ich wollte in zwei Minuten Eli abholen.”

Das kleine Haus wirkte schon sehr wohnlich. Im Flur lag ein heller Kokosteppich, den sie vor Jahren einmal aus Spanien mit­gebracht hatten. Durchsichtige Glastassen hingen unterhalb des Geschirrschrankes an den dafür vorgesehenen Haken. Im Wohnzimmer waren alle Bücher in die Regale eingeräumt. Auf dem Schreibtisch entdeckte Ilona Bilder von Eli und ihr, an der Wand hing eine eingerahmte Grafik und auf dem Sofa lagen Kis­sen.

Biever rollte sich auf dem Teppich zusammen und schlief ein. Er war den ganzen Nachmittag mit den Mädchen herumgelaufen und nun müde.

Michaels Plappermäulchen ging ununterbrochen. Ilona kam gar nicht dazu, ihrer Mutter zu erzählen, wie sie den ersten Tag in Givat Moshe verbracht hatte. Als Michael einmal nach Luft schnappte, fragte sie schnell: “Wann kommt Papa?”

“Ich weiß es nicht”, antwortete die Mutter und stellte ein Ta­blett mit Tassen, Keksen, Tee und einem Limonade auf den Tisch.

Es klopfte. Ilona öffnete. Eine Frau und ein kleiner Junge standen vor der Tür. Die Frau sagte auf englisch, dass ihr Dani Michael sein Auto zeigen wollte.

“Komm herein, Varda!”, rief Deborah Stein und setzte noch einmal den Teekessel auf. Michael stürzte seine Limonade herunter und rannte mit Dani nach draußen.

Die beiden Frauen unterhielten sich auf englisch. Ab und zu stellte Varda eine Frage an Ilona. Das Mädchen antwortete stockend. Varda sprach sehr schnell und sie konnte nur einzelne Worte verstehen.

Biever wachte auf und lief winselnd zur Tür. “Ich gehe mit Biever Gassi, Mama!”, rief Ilona und ehe ihre Mutter antworten konnte, war sie verschwunden.

Sie schlugen den Weg zum Dorfausgang ein. Es war kühler ge­worden. Die Zweige der Bäume schienen um Wind zu tanzen. Biever lief voraus. Zum ersten Mal an diesem Tag war Ilona allein. Es bedeutete ihr sehr viel. Unge­stört von den anderen konnte sie ihren Träumen nachhängen.

Ilona betrat einen leicht ansteigenden Feldweg. Sie blieb ste­hen. Hinter den Bergen, jenseits der Straße, ging die Sonne un­ter. Für wenige Augenblicke waren die Hänge in golden schim­merndes Licht getaucht. Fast von einem Augenblick zum anderen schmolz es zu einem geraden Streifen zusammen und ver­schwand ganz. Dunkelheit breitete sich aus.

“So etwas Schönes habe ich selten gesehen, Biever.” Ilona hob den kleinen Hund auf ihre Arme. “Weißt du was? Wir werden jeden Abend hierher kommen.” Zärtlich drückte sie Biever an sich. Er strich mit seiner Zunge über ihre Hand. “Wir beide gegen die Welt”, sagte sie und meinte es in diesem Augenblick durchaus ernst.

ALLER ANFANG IST SCHWER

Die Tage schienen wie im Fluge zu vergehen. Michael hatte sich an das Schlafen im Kinderhaus gewöhnt und weinte nicht mehr, wenn er zu Bett gebracht wurde. Dr. Stein fuhr jeden zweiten Tag in das Zentralkrankenhaus nach Beer Sheva, die restlichen Tage hielt er in Givat Moshe Sprechstunde ab. Der Kibbuz besaß eine gut eingerichtete Krankenstation mit einigen Krankenzimmern und zwei Behandlungsräumen. Den El­tern und Michael gefiel es in Givat Moshe, nur Ilona war nicht zufrieden.

Jeden Morgen bevor sie die Augen aufschlug, hoffte sie, alles wäre nur ein Traum und sie würde zu Hause in Wien aufwachen. Die Kinder waren durchaus nett zu ihr. In Mariamne hatte sie sogar eine Freundin gefunden, die zwar nicht immer ihre Ansichten verstand, es jedoch wenigstens versuchte. Die Kindergesellschaft gefiel ihr jedoch nicht. Sie musste ungewohnte Arbeiten verrichten, eine Sprache erlernen, die ihr unwahrscheinlich schwer erschien, und sie war fast nie allein. Zu Hause hatte sie ihr Zimmer nur mit Michael geteilt und konnte nach der Schule tun und lassen was sie wollte. Hier ging alles nach Plan. Die Tage kamen ihr wie eine endlose Kette von Pflichten vor. Arbeiten, lernen, Zusammensein mit der Gruppe, der Gang zu den Eltern und schlafen.

So sehr Ilona ihre Eltern auch liebte, sie hasste es, jeden Tag um vier Uhr zu ihnen zu gehen. Wie gerne hätte sie untertags mal ihre Mutter besucht, oder wäre wie früher zu ihrem Vater gegangen. Es wurde nicht gern gesehen, deshalb unterließ sie es. Michael hatte es darin besser. Wenn er nach seiner Mama ver­langte, wurde er zu ihr gebracht. Noch gehörte er zu den Kleinen.

Ilona sehnte sich auch danach, einmal ohne den Lärm des Chadar Ochel zu essen, Mahlzeiten, die ihre Mutter gekocht und serviert hatte, nach weißen Porzellantellern und glänzenden Bestecken. Sie hatte Sehnsucht nach Dingen, die sie früher nie geschätzt hatte, weil sie ihr selbstverständlich erschienen waren.

Sie wusste, das Mariamne sie nicht verstehen würde. Für Mariamne hatte es nie etwas anderes, als das Kinderhaus und die eigene Wirtschaft gegeben. So konn­te sie ihren Kummer nur Biever klagen, der auch davon betrof­fen war, weil er nicht bei ihr, sondern bei den Eltern schlafen musste.

Am seltsamsten fand es Ilona, dass sie bisher kaum einen Streit unter den Kindern erlebt hatte. Zwar gab es manchmal heftige Wortgefechte, aber sie waren nur kurz und schie­nen nicht tiefer zu gehen.