„Liebe ist bekanntlich international“, sagte mein Vater, als ihn der Beamte in der sowjetischen Besatzungszone Berlins daran hindern wollte, meine Mutter zu heiraten. Der Beamte konnte nicht verstehen, wie ein Mann, der wegen seiner Abstammung sieben Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, eine Frau heiraten konnte, die Mitglied der NSAP gewesen war. „Sie werden es bitter bereuen“, drohte er meinem Vater. „So eine Ehe ist zum Scheitern verurteilt.“

Mein Vater bereute seinen Entschluss nicht! Die Ehe meiner Eltern wurde entgegen aller Voraussagen sehr glücklich und hielt sämtlichen Belastungen stand, die schon im Laufe ihrer ersten Jahre auftraten. Meine Mutter hatte zwar längst eingesehen, dass sie, wie die meisten Deutschen, sich von Hitler hatte blenden lassen, aber sie war auch ein genauso großer Gegner der Kommunisten. Mit dem ihr eigenen Dickkopf weigerte sie sich, in die SED einzutreten. Es beeindruckte sie nicht einmal, dass meinem Vater vorgeworfen wurde, seine Frau nicht politisch erziehen zu können. Erst versuchte es die SED mit Drohungen, dann folgten Taten: Mein Vater verlor seine gute Stelle als Bauleiter und wurde zum Hilfsarbeiter degradiert. Nach und nach entzog man ihm alle Privilegien, die er als ehemaliger KZ-Häftling in der DDR hatte. Wir mussten aus unserer schönen Wohnung in Berlin-Niederschönhausen ausziehen und landeten schließlich in einer heruntergekommenen ausgebauten Gartenlaube in der Berliner Kolonie Gemütlichkeit. Ich kann mich noch gut an die verschimmelten Wände erinnern, an denen unsere Betten standen. Kein Wunder, dass mein Bruder und ich nicht nur an Unterernährung litten, sondern von einer Krankheit zur nächsten taumelten.

Trotzdem versuchten meine Eltern, meinem Bruder und mir das Leben so schön wie möglich zu machen. Im Gegensatz zu meiner Großmutter mütterlicherseits, die mit Vollendung den Rohrstock schwang, waren meine Eltern entschiedene Gegner der Prügelstrafe. Mein Vater beließ es beim Schimpfen, wenn wir etwas angestellt hatte, meine Mutter dagegen strafte uns mit tagelangem Schweigen oder sie sagte uns, wie enttäuscht sie von uns war und wir es nicht wert, sie zur Mutter zu haben. Ich weiß nicht, ob sie jemals erkannt hat, dass sie zum großen Teil die Schuld an den schweren Minderwertigkeitskomplexen hatte, die meinen Bruder und mich plagten.

Nach wie vor war meine Mutter entschiedene Gegnerin der SED. Das ging soweit, dass die Farbe rot aus unserem Leben verbannt wurde, sie bei jeder Gelegenheit kundtat, was sie von Kommunisten hielt und damit begann, Spottgedichte auf die SED-Führung zu schreiben und zu verteilen. Auf die mahnende Stimme meines Vaters hörte sie nicht. Und er tat nichts, um ihr Einhalt zu gebieten. Er liebte seine Frau über alles und daran konnte nichts etwas ändern.

Irgendwann hatte die SED genug. Man drohte meinen Eltern, sie zu verhaften und ihre Kinder ins Heim zu stecken. Sie erkannten beide, wie ernst die Lage war und beschlossen, in den Westen zu fliehen. Der beste Entschluss, den sie je in ihrem Leben gefasst hatten. Ich werde ihnen bis an mein Lebensende dafür dankbar sein, obwohl die ersten sieben Jahre in ‚Freiheit’ alles andere als leicht waren und wir von einem Flüchtlingslager ins nächste gebracht wurden.

Meine Mutter, die schon in ihrer Kindheit geschrieben und gezeichnet hatte, begann wieder zu schreiben, was meinen Vater sehr stolz machte. Er trug sie nach wie vor auf Händen und ich glaube, es machte ihm überhaupt nichts aus, dass sie das Sagen in der Familie hatte. Er überließ sich gern ihrer Führung. Als er 1990 starb, ging für meine Mutter die Welt unter. Bis zu ihrem Tod drei Jahre später fühlte sie sich ohne ihn völlig verloren.