Pucky, der Lebensretter

Ich war wohl schon an die zweihundert Mal an dem großen Anwesen mit der alten Jugendstilvilla vorbeigefahren, das sehr einsam außerhalb der Stadt lag. Da ich alte Häuser liebe, hatte ich mir vorgestellt, wie es wohl ist, in so einem Haus zu leben. Manchmal hatte ich auch am Straßenrand angehalten und durch das schmiedeeiserne Tor geschaut. Nur ein einziges Mal hatte ich dabei die Frau gesehen, die in diesem Haus lebt. Sie hatte in einem Schaukelstuhl unter dem Kirschbaum gesessen und gelesen.

Auch an diesem Nachmittag hielt ich am Straßenrand, als ich von meiner Arbeit im Büro eines Kaufhauses kam. Es war ein schöner Tag im August. Die Sonne lachte regelrecht vom Himmel. Ich hatte noch keine Lust, nach Hause zu fahren. Bedeutend lieber wäre ich in dem großen, parkähnlichen Garten spazieren gegangen.

So stand ich vor dem geschlossenen Tor und starrte auf das Haus, dessen bunte Fenster im Sonnenlicht leuchteten. Im Briefkasten, der sich im Torpfosten befand, steckten mehrere Zeitungen.

“Hilfe!”

Ich zuckte zusammen und blickte mich erschrocken um.

“Hilfe!”

Nein, ich irrte mich nicht. Jemand rief um Hilfe. Erneut schaute ich mich um, obwohl ich mir sicher war, dass dieser Hilferuf aus dem Haus kam. Andererseits war es unmöglich. Das Haus stand viel zu weit von der Straße entfernt, als dass man einen Hilferuf hätte hören können. Aber vielleicht kam der Hilferuf nicht aus dem Haus, sondern aus dem hinteren Teil des Gartens.

Ich rüttelte am Tor. Es war fest verschlossen. Mir blieb nichts anderes übrig, als an der hohen Hecke, die den Garten umgab, entlang zu laufen.

“Hilfe! Hilfe!”

Die Hilferufe der Frau, ich war mir sicher, dass es sich um die Bewohnerin des Hauses handelte, klangen immer verzweifelter.

Endlich entdeckte ich in der Hecke eine kleine Pforte. Auch sie war verschlossen!

Heute weiß ich nicht mehr, wie es mir gelungen ist, über das Tor zu klettern, denn ich bin keine geübte Turnerin, doch ich schaffte es. Dass ich mir dabei die Hände an den scharfen Zacken aufriss, die Einbrecher abhalten sollten, merkte ich kaum. Automatisch wischte ich mir die Hände an meinen Hosen ab.

“Wo sind Sie!?”, schrie ich.

Nur das aufgeregte Kläffen eines Hundes antwortete mir.

Weder im vorderen, noch im hinteren Teil des Gartens entdeckte ich die Bewohnerin des Hauses. Hinter der verschlossenen Terrassentür nahm ich eine Bewegung wahr. Als ich die Terrassenstufen hinaufstieg, sah ich einen weißen Spitz, der mit den Pfötchen gegen die Scheibe schlug.

“Hilfe!”

Ich hätte die Polizei rufen sollen, das kam mir allerdings erst später in den Sinn. Entschlossen griff ich nach der Kupfervase, die auf dem Terrassentisch stand, und schlug die Scheibe ein. Das Kläffen des Hundes wurde lauter, überschlug sich fast, aber er hinderte mich nicht daran, durch das Loch zu greifen und die Terrassentür zu öffnen.

Erst jetzt bemerkte ich, wie verwahrlost der Hund wirkte. Ich strich durch sein verfilztes Fell. Er wimmerte leise vor sich hin, schmiegte sekundenlang den Kopf in meine Hand, bevor er durch den Salon rannte.

“Hallo, wo sind Sie?”, rief ich laut. “Hallo!”

Der Spitz stand kläffend neben der Treppe zum Obergeschoss. Als er bemerkte, dass ich ihm folgte, sprang er die Stufen hinauf.

Beklommen eilte ich nach oben. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich fürchtete mich vor dem, was mich womöglich erwartete.

Der Spitz stand vor einer offenen Tür. Sie führte in ein halb dunkles Schlafzimmer. Die Jalousien vor den beiden Fenstern ließen kaum Licht herein. Dennoch konnte ich erkennen, dass das Bett ungemacht war und eine Tiffanylampe umgestürzt auf dem Nachttisch lag.

“Ist da wer?”, fragte ich zaghaft.

Keine Antwort.

Ich atmete tief durch und schaltete das Deckenlicht ein.

Die alte Frau lag auf der anderen Seite des Bettes. Sie trug ein geblümtes Nachthemd, das ein Stück nach oben gerutscht war und einen Teil ihrer Schenkel freigab. Die Finger ihrer rechten Hand krallten sich in das Bettlaken. Mit dem Gesicht lag sie halb in einer Blutlache.

Im ersten Augenblick dachte ich, sie sei tot. Mir kam zugute, dass ich einige Jahre aktives Mitglied beim Roten Kreuz gewesen war. Ich atmete zweimal tief durch, dann tastete ich am Hals der Frau nach dem Puls. Erleichtert atmete ich auf, als ich ihn ganz schwach spürte.

Der kleine Hund rieb seinen Kopf an meinen Beinen. “Gleich, kümmere ich mich auch um dich”, versprach ich, “nun ist erst einmal dein Frauchen an der Reihe.”

Ich brachte die Bewusstlose in die Seitenlage, überzeugte mich, dass ihre Atemwege freilagen, und wählte auf meinem Handy den Notruf.

Während ich auf den Krankenwagen und die Polizei wartete, ging ich rasch ins angrenzende Bad, füllte eine Schüssel, die ich dort fand, mit Wasser und stellte sie dem Hund hin. Völlig ausgedurstet machte er sich darüber her, danach legte er sich neben sein Frauchen und vergrub die Schnauze in den Vorderpfoten.

Rasch schaute ich wieder nach der alten Dame. Ihre Haut fühlte sich trotz der Decke, die ich über sie gebreitet hatte, noch immer eiskalt an. Ich fragte mich, wie lange sie wohl schon bewusstlos war. Vermutlich mehrere Tage. Jedenfalls ließ der volle Briefkasten darauf schließen.

Mir fiel das geschlossene Tor ein. Ich hastete die Treppe hinunter. Seitlich der Haustür hing ein Schlüsselkasten. Ich nahm die Schlüssel an mich, entriegelte zuerst die Haustür und rannte dann zum Tor. Die ersten drei Schlüssel passten nicht, erst der Vierte. Noch während ich das Tor aufschob, hörte ich bereits die Sirene des Krankenwagens.

Ich führte den Notarzt und die beiden Sanitäter ins Schlafzimmer hinauf. Der Hund knurrte, wollte die Männer nicht an sein Frauchen lassen. Ich nahm ihn auf den Arm, sprach beruhigend auf ihn ein.

Die Polizei traf ein. Ich sprach von den Hilferufen, die ich gehört hatte. Die Beamten sahen mich irritiert an. Ich konnte mir diese Rufe ja auch nicht erklären, da Frau Mairich, wie die alte Dame hieß, seit mindestens achtundvierzig Stunden bewusstlos war. Sie musste auf dem Rückweg vom Bad gestürzt sein, hatte noch versucht, sich festzuhalten und dabei die Nachttischlampe umgerissen.

“Wie schlimm sieht es aus?”, fragte ich den Notarzt. “Wird Frau Mairich überleben?”

“Es sieht sehr schlimm aus”, antwortete er. “Wir können nur hoffen.”

“Wissen Sie, ob Frau Mairich Angehörige hat, Frau Hartmann?”, erkundigte sich einer der Beamten.

Ich schüttelte den Kopf. “Ich kenne Frau Mairich nicht”, sagte ich. “Es ist Zufall, dass ich an der Straße gehalten habe. “Was wird aus dem Hund?”

“Wir bringen ihn vorläufig ins Tierheim.”

“Nein, ich werde ihn mitnehmen”, entschied ich und drückte ihn an mich. “Frau Mairich möchte sicher nicht, dass Ihr Hund ins Tierheim kommt.” Ich wies auf die Fotos, die auf der Frisierkommode standen. Sie zeigen alle den Spitz. Unter einem stand: Pucky und ich.

Mein Vater staunte nicht schlecht, als ich an diesem Abend mit einem Hund nach Hause kam. Obwohl er Hunde nicht besonders mochte, da er vor einigen Jahren von einem Schäferhund gebissen worden war, hatte er nichts dagegen, dass wir Pucky aufnahmen und ihn während meiner Arbeitszeit zu betreuen. Zum Glück für Pucky war mein Vater Anfang des Jahres in Rente gegangen.

“Hoffentlich kommt Frau Mairich durch”, meinte er.

Tagelang sah es nicht so aus. Ende der Woche lag Frau Mairich noch immer im Koma. Da ich sie gefunden hatte und sie mir, wie man mir mehr als einmal versicherte, ihr Leben verdankte, durfte ich zu ihr. Jeden Abend nach der Arbeit besuchte ich sie für ein paar Minuten im Krankenhaus. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie mich hören konnte, erzählte ich ihr von Pucky und sprach davon, dass sie sich schon seinetwegen anstrengen musste, schnell gesund zu werden.

Am Samstag besuchte ich Frau Mairich schon am Nachmittag. Sie lag in einem Einzelzimmer auf der Intensivstation. Die Schwester, die mir die Tür zur Intensivstation öffnete, sagte mir, dass man mich schon erwarten würde. “Ist Frau Mairich endlich aufgewacht?”, fragte ich hoffnungsvoll.

“Nein, ihr Enkel ist aus New York gekommen”, antwortete sie. “Er sitzt schon seit zwei Stunden an ihrem Bett.”

Sie hatte also Verwandte! Das freute mich für sie. Ich hoffte, dass der Besuch ihres Enkels ihr helfen würde, in die Wirklichkeit zurückzufinden.

Als ich das Zimmer betrat, wandte sich der junge Mann, der an ihrem Bett saß, mir zu. Er stand auf, ging mir entgegen. “Ich bin Alexander Mairich”, sagte er, “Sie müssen Stefanie Hartmann sein.” Er drückte meine Hand. “Ich kann Ihnen gar nicht genug danken. Ohne Sie würde meine Großmutter nicht mehr leben.”

“Es ist nur ein Zufall gewesen, Herr Mairich”, sagte ich verlegen. Sein Blick ließ mein Herz schneller schlagen. Nie zuvor hatte ich einen Mann kennen gelernt, der schon in der ersten Minute unserer Bekanntschaft so eine Wirkung auf mich gehabt hätte.

“Was es auch gewesen sein mag, Sie haben meiner Großmutter das Leben gerettet.” Er nahm wieder am Bett der Kranken Platz. “Frau Hartmann ist hier, Großmutter”, sagte er. “Du hast gewiss schon auf sie gewartet.”

Eine halbe Stunde später verließen wir gemeinsam das Krankenzimmer. Ich hatte inzwischen mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden, bekam aber immer noch weiche Knie, wenn sein Blick auf mich fiel. War es Liebe auf den ersten Blick? Ich weiß nur, dass Alexander eine Seite in mir zum Klingen gebracht hatte, deren Existenz mir bisher völlig verborgen geblieben war.

Wir gingen in die Cafeteria hinunter. Die Tür zum Krankenhauspark stand offen. Mit unseren Eisbechern traten wir ins Freie und setzten uns in die Nähe der Vogeltränke, auf der ein heftiger Streit zwischen einigen Spatzen tobte.

Alexander sprach New York und seinem Vater, der vor fünfzehn Jahren nach einem Streit mit seiner Mutter Deutschland verlassen hatte, um mit seiner Familie in Amerika zu leben. “Ich bin in Amerika aufgewachsen. Meine Großmutter habe ich das letzte Mal vor zweieinhalb Jahren gesehen.” Er hob die Schultern. “Jetzt mache ich mir natürlich Vorwürfe. Ich hätte mich mehr um sie kümmern müssen.”

“Ich glaube, Ihre Großmutter ist sehr einsam gewesen. Ohne Pucky hätte sie überhaupt niemanden gehabt.”

“Zweimal die Woche kommt eine Putzfrau. Sie hatte ein paar Tage Urlaub”, warf Alexander ein. Er verzog das Gesicht. “Ja, ich weiß, eine Putzfrau ist kein Ersatz für die Familie.”

“Will sich Ihr Vater nicht einmal unter diesen Umständen mit seiner Mutter versöhnen, Herr Mairich?”, fragte ich.

“Alexander”, sagte er. “Bitte, nennen Sie mich Alexander.”

“Gern.” Unsere Blicke trafen sich. Es fiel mir schwer, meinen Gleichmut zu bewahren. Was hatte dieser Mann nur an sich? Er entsprach mit seinen dunklen Haaren und braunen Augen nicht einmal meinem Typ. Trotz des warmen Augusttages trug er einen korrekten Anzug mit Krawatte. Erstaunlicherweise schwitzte er nicht einmal.

“Meine Eltern sind vor zwei Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen”, fuhr er fort. “Meine Großmutter ist genauso unversöhnlich, wie mein Vater es gewesen ist. Sie weigerte sich, zur Beisetzung nach New York zu kommen.” Er atmete tief durch. “Daraufhin habe ich den Kontakt zu ihr so gut wie abgebrochen.”

“Was ich verstehen kann”, meinte ich betroffen.

“Ich hätte vernünftiger sein müssen”, klagte Alexander sich an. “Sie ist eine alte Frau.” Er hob die Schultern. “Hinterher ist man meistens klüger. Ich habe es der Putzfrau meiner Großmutter zu verdanken, dass ich von ihrem Unfall benachrichtigt worden bin. Sie kennt meine Adresse.” Er hob den Kopf und sah mich an. “Man sagte mir, Sie hätten meine Großmutter um Hilfe rufen hören. Wie kann das sein? Sie war bewusstlos.”

“Das weiß ich auch nicht”, erwiderte ich und erzählte ihm, was passiert war.

Während der nächsten Tage trafen wir uns sehr oft. Nicht nur im Krankenhaus, sondern auch außerhalb der Besuche bei Alexanders Großmutter. Wir gingen miteinander essen, verabredeten uns fürs Kino und besuchten sogar in Begleitung von Pucky am Samstag den Waldsee, um dort ausgiebig spazieren zu gehen. Seinen korrekten Anzug hatte Alexander längst abgelegt. Er trug Jeans und T-Shirts.

“Er gefällt dir wohl?”, fragte mein Vater und zwinkerte mir zu, als ich am Samstagabend nach Hause kam. “Verliebt?”

Ich musste mir meine Antwort nicht lange überlegen. “Ja, ich habe mich in Alexander verliebt”, gestand ich. “In seiner Gegenwart fühle ich mich wie ein völlig neuer Mensch.”

Als wir am Sonntag ins Krankenhaus kamen, Alexander hatte mich von zu Hause abgeholt, ging uns im Gang vor der Intensivstation der diensthabende Arzt entgegen. “Ihre Großmutter ist verlegt worden, Herr Mairich”, sagte er. “Wir haben versucht, Sie zu erreichen. Haben Sie Ihr Handy abgestellt?”

Alexander zog sein Handy hervor. “Tatsächlich, bitte, entschuldigen Sie”, bat er. “Weshalb ist meine Großmutter verlegt worden?”

“Ihre Großmutter ist vor drei Stunden aus dem Koma erwacht. Es geht ihr gut. Sie hat bereits nach Ihnen gefragt.”

“Also haben Sie ihr gesagt, dass ich hier bin?”

“Nein, sie wusste es”, antwortete der Arzt.

Wir fuhren noch einmal mit dem Aufzug ins Erdgeschoss hinunter, um im Shop einen Blumenstrauß und ein paar Pralinen zu kaufen. Auf die Intensivstation hatten wir ja keine Blumen mitbringen dürfen.

Alexander ging zuerst allein in das Zimmer seiner Großmutter. Schon nach fünf Minuten kehrte er zurück. “Sie möchte dich sehen, Stefanie”, sagte er und nahm meinen Arm.

Beate Mairich saß halb im Bett. Sie machte einen ausgesprochen munteren Eindruck. Man sah ihr an, dass es ihr den Umständen entsprechend gut ging. Erstaunlich kraftvoll griff sie nach meinen Händen, als ich an ihr Bett trat, und hielt sie fest.

“Ich habe Sie gesehen, als Sie vom Tor aus zum Haus blickten, Frau Hartmann”, sagte sie. “Ich hoffte so sehr, dass Sie mich hören.”

“Du warst bewusstlos, Großmutter”, warf Alexander ein.

“Ich habe auch gesehen, wie Frau Hartmann über das Tor gestiegen ist. Pucky ist die Treppe hinuntergelaufen und hat an der Terrassentür gekratzt. Sie hat die Kupfervase vom Tisch genommen, die Scheibe der Terrassentür eingeschlagen und ist Pucky ins Schlafzimmer gefolgt.” Die alte Dame schaute mir ins Gesicht. “Ihnen und Pucky verdanke ich mein Leben.”

“Ich bin sehr froh, dass ich Ihnen helfen konnte, Frau Mairich”, erwiderte ich überwältigt und völlig fassungslos.

“Wie geht es meinem Pucky? Sie haben mir oft von ihm erzählt, wenn Sie mich besuchten.” Frau Mairich ließ meine Hände los. “Alexander, hol bitte Stühle für euch. Ihr wollt sicher nicht die ganze Zeit über stehen.”

Wir durften nur eine halbe Stunde bleiben, weil ein längerer Besuch Frau Mairich überanstrengt hätte, doch als wir das Krankenzimmer verließen, waren sie und ich Freunde geworden. Ich fühlte mich ihr fast so verbunden, wie meiner vor fünf Jahren verstorbenen Großmutter.

Alexander arbeitete in New York bei der UN. Als er vierzehn Tage später von seiner Großmutter und mir Abschied nahm, um nach Amerika zurückzukehren, versprach er, dass es nicht ein Abschied für immer sein würde.

“Ich weiß jetzt, wohin ich gehöre, Steffi”, sagte er und nahm mich in die Arme. “Keine Angst, ich komme zurück.” Er küsste mich auf die Wange. “Bitte warte auf mich.”

“Und wenn es mein ganzes Leben dauern würde”, antwortete ich und versuchte, nicht zu weinen.

Alexander zog mich an sich. “Ich werde schon bald wieder in Deutschland sein”, versicherte er. Zärtlich strich er durch meine Haare. “Sehr bald.” Impulsiv küsste er mich auf den Mund.

Ich blickte ihm nach, wie er durch die Passkontrolle ging. Ein letztes Mal drehte er sich um, winkte …

Seit diesem Tag sind sechs Monate vergangen. Beate Mairich lebt längst wieder in ihrer Villa. Sie hat eine Haushälterin eingestellt, die sie betreut. Mein Vater und ich besuchen sie sehr oft. Pucky rennt uns jedes Mal begeistert entgegen.

In den letzten sechs Monaten ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an Alexander gedacht hätte. Zweimal habe ich ihn in New York besucht und wir haben wundervolle Stunden miteinander verbracht. Auf der Aussichtsterrasse des Empire State Buildings hat er mir einen Heiratsantrag gemacht.

Nur noch wenige Stunden und Alexander wird für immer nach Deutschland zurückkehren. Er hat seine Stelle bei der UN aufgegeben, um hier im Auswärtigen Amt zu arbeiten.

“Wirst du es auch nicht bereuen?”, hatte ich ihn gefragt, als wir miteinander telefonierten.

“Nein, ganz gewiss nicht. Ich gehöre zu meiner Großmutter, die viel zu lange allein gewesen ist, und ich gehöre zu dir, mein Liebling. Ich möchte nicht, dass unsere Kinder in Amerika aufwachsen.”

Unsere Kinder! Wenn ich die Augen schließe, so sehe ich sie durch den großen Garten der Villa toben. Mein Vater und Beate Mairich sitzen auf der Terrasse, sehen ihnen zu. Pucky, nun auch schon ergraut, liegt zwischen ihren Stühlen. Und Alexander und ich? – Wir sollten eigentlich in der Küche das Abendessen bereiten, doch stattdessen liegen wir uns in den Armen und versichern einander, wie sehr wir uns lieben.