Roni findet eine Heimat

Nach einer wahren Begebenheit

Roni war eine schwarzbraune Hündin mit braunen, meist fragend blickenden Augen, Schlappohren, die von Fellbüscheln gekrönt wurden, und einer großen, lackschwarzen Schnauze.

Wir fanden Roni während unseres Urlaubs in Griechenland. Es war ein glühend heißer Tag und die Sonnenstrahlen flimmerten in bunten Punkten auf dem grauen Asphalt der Straße. Um etwas zu trinken und unseren zweijährigen Spitz ‘Pucky’ auszuführen, hatten wir auf einem Parkplatz gehalten, hinter dem sich ein Olivenhain mit uralten knorrigen Bäumen hinzog.

Wir inspizierten unter Puckys Führung die Umgebung. Plötzlich bellte Pucky aufgeregt und zerrte an der Leine. Unserem Wagen entgegen kroch etwas Schwarzes über den Asphalt. Ich hielt es für einen Hamster, mein Vater vermutete einen Maulwurf und meine Mutter meinte gar, dass es vielleicht ein verwundeter Rabe sein könnte.

Erst, als wir näherkamen, merkten wir, dass wir uns alle drei geirrt hatten. Pucky knurrte, als mein Vater behutsam das Fellbündelchen in die Hand nahm, und nun erkannten wir, dass es sich um ein Hundebaby handelte, etwa fünfzehn Zentimeter lang, mit seidigem, dichten Flaum, winzigen Öhrchen, geschlossenen Augen und einem Stummelschwänzchen. Auf dem schwarzen Fell entdeckten wir Fliegeneier. Wie lange mochte das arme Kerlchen schon in der Sonne gelegen haben?

Was sollten wir tun? Liegenlassen konnten wir den kleinen Kerl nicht, aber mitnehmen? Wir hatten noch einige Tage der Rückreise vor uns! Hatte ihn jemand hier ausgesetzt, oder war er einfach verloren gegangen? Schließlich einigten wir uns, den Welpen erst einmal mitzunehmen, um ihn einem Tierheim anzuvertrauen.

Pucky war außer Rand und Band. Unruhig sprang er im Wagen hin und her. Er konnte nicht begreifen, dass er seine Nase nicht in den ausgepolsterten Karton stecken durfte, in den wir das Tierchen gelegt hatten.

Während der ersten dreißig Minuten hörten wir von unserem Findling keinen Laut. Dann begann er, sich zu regen. Ein leises, kaum hörbares Wimmern setzte ein, das sich bis zu den höchsten Tönen steigerte. Pucky stellte seine Öhrchen auf und blickte mit kugelrunden Augen nach vorne. Ich nahm das Kleine auf meinen Schoß und legte dann schnell ein Tuch darunter, denn es wurde flüssig. Die winzigen Gliederchen streckten sich behaglich. Die Krallenhändchen umschlossen meinen hingehaltenen Finger und führten ihn zum Schnäuzchen, das sofort zu saugen begann und sich dabei mächtig anstrengte. Es gab keinen Zweifel, unser Findling hatte Hunger! So stellte sich uns jetzt die Frage, wie sollten wir ihn ernähren?

Im nächsten Ort besorgte mein Vater Milch. Da wir kein Babyfläschchen hatten, schüttete ich Milch in eine Schale und tauchte das Hundeschnäuzchen hinein. Es wurde weiß, das war auch alles. Wir versuchten es mit einem in Milch getauchten Stofftaschentuch und wirklich, das Kleine begann zu saugen. Viel bekam es auf diese Weise zwar nicht in den Magen, aber es war wenigstens etwas.

Unsere Fragen nach einem Tierheim waren vergeblich. Ein Polizist sah sich den Welpen an und meinte dann kalt, er wäre nur dazu gut, um weggeworfen zu werden. Das gab den Ausschlag! Wir beschlossen, vorerst das Hündchen mit nach Hause zu nehmen.

In Athen erstanden wir eine Babyflasche. Es klappte. Roni, wie wir inzwischen den Welpen genannt hatten, begann sofort zu saugen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Danach legte sie sich erschöpft zurück und schlief ein.

Im Allgemeinen ist es schon schwierig, mit einem Hund ein Hotelzimmer zu finden, aber mit zwei Hunden? Wir machten erst gar nicht den Versuch, sondern entschlossen uns kurzerhand, unseren Fund zu verschweigen. Wir schrieben uns ein und fuhren mit dem Pagen mittels Aufzug in den dritten Stock. Alles wäre gut gegangen, hätte unser Welpe nicht wieder mit Wimmern begonnen. Der Page blickte auf Pucky, dann auf uns. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Uns blieb nichts anderes übrig, als mit der Wahrheit herauszurücken. Wenig später wusste das ganze Hotel, dass die verrückten Deutschen sogar mit zwei Hunden angerückt waren.

Unser Findling bekam aufs Neue sein Fläschchen, machte Bäuerchen und schlief wieder ein. Wir fuhren beruhigt zur Akropolis. Bei unserer Rückkehr hörten wir schon auf dem Gang vor unserem Zimmer ein monotones Wimmern, welches zu unserer ständigen Begleitmusik werden sollte. Besonders schlimm war es in der ersten Nacht, wo Roni wohl mehr aus Einsamkeit, als vor Hunger weinte. Ich stellte daher ihren Karton neben mein Bett und hielt eine Hand hinein, die das Tierchen fest umklammerte. Zum Schlafen kam ich natürlich nicht! Jedes Mal, wenn ich meine Hand aus dem Karton nehmen wollte, begann erneut das Wimmern.

In den nächsten Tagen sah es mehrmals so aus, als würden wir den kleinen Kerl nicht durchbringen, zumal wir nirgends Welpennahrung auftreiben konnten. Zu oft lag Roni apathisch im Karton. Wir fütterten sie mit gesüßter Dosenmilch. Diese bekam ihr zwar sehr gut, war aber trotzdem nicht das Richtige.

Pucky war mit unserem Findling noch immer nicht einverstanden, jedoch erlaubten wir ihm nun, sich der Kleinen zu nähern. Er schnüffelte stets nur kurz an ihr und zeigte, indem er sich dann abrupt abwandte, seine Verachtung.

Als wir wieder in Deutschland waren, bekam Roni einen großen Karton in meinem Zimmer als Schlafplatz zugewiesen. Sie war nun bereits etwa zwei Wochen alt und ihre Überlebenschancen gut. Ihr fast unstillbarer Appetit wurde alle zwei Stunden mit einem Fläschchen Welpennahrung und später mit Babykost gestillt.

In den folgenden Tagen wachte ich nachts regelmäßig ein bis zweimal auf, da sie energisch ihr Fläschchen forderte, oder weil es zu duften begann. Das hieß dann wechseln ihrer Unterlage und schloss meist eine Kurzwäsche der Kleinen mit ein, denn gewöhnlich hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon von oben bis unten beschmiert.

Roni wuchs und gedieh und war bald größer als der Stoffhund, den wir ihr gekauft hatten. Die ersten Zähnchen zeigten sich am winzigen Gaumen, die Schlappöhrchen wurden länger und endlich nach weiteren zwei Wochen, begann sie zu sehen (bedeutend später, als es normal ist). Nun stand der Eroberung ihrer kleinen Welt nichts mehr entgegen. Erst war es nur ein vorsichtiges Spähen aus dem Pappkarton, dann die ersten Kletterversuche und schließlich tapsige Schrittchen auf dem Balkon. Tat sie sich einmal weh, oder stolperte sie jemanden unter die Füße, wurde das durch ein sich ständig steigerndes, durchdringendes Geschrei geahndet und die ganze Familie versuchte aufgeregt, das kleine Kerlchen zu beruhigen. Bald hatten wir heraus, dass nur gezuckerte Dosenmilch den Schmerz stillen konnte.

Ronis vermehrtes Interesse an ihrer Umwelt hinterließ deutliche Spuren auf unserem Teppich, und sie sah jedes Mal interessiert zu, wenn ich das Malheur mit Spiritus beseitigte. Ich konnte dann richtig spüren, was sie dachte: “Wenn Frauchen so gern auf dem Boden herumrutscht, kann ich ihr dieses Vergnügen ja öfters gönnen!” Erziehung zur Sauberkeit war also nun erstes Gebot. Es gelang überraschend schnell. Sie war noch keine zwei Monate alt, als wir es geschafft hatten.

Als Roni fest auf ihren vier strammen Beinchen stehen konnte, wurde sie auch von Pucky akzeptiert. Bald begleitete sie ihn überall hin. Wenn wir mit ihm Gassi gingen, stolperte sie hinterher.

Mit vier Monaten war Roni bereits größer als unser Spitz und hatte ihre endgültige Größe noch lange nicht erreicht. Sie versprach, ein griechischer Schäferhund zu werden. Unseren Nachbarn wurde sie zu groß! Man verstand nicht, dass wir nicht bereit waren, auf sie zu verzichten, so mussten wir die Wohnung wechseln.

Im Alter von sieben Jahren erkrankte Roni an Krebs. Die Krankheit breitete sich rasch aus. Als sie kaum noch laufen konnte und oft tagelang völlig apathisch in ihrem Korb lag, entschlossen wir uns schweren Herzens sie einschläfern zu lassen. Wir hatten es nie bereut, Roni bei uns aufgenommen zu haben. In ihrem kurzen Leben hatte sie uns nichts als Freude gemacht und wir konnten Pucky verstehen, der tagelang nach ihr suchte. Aber das Leben geht weiter. Geblieben ist die Erinnerung an einen Hund, der mehr war, als nur ein vierbeiniger Kamerad, nämlich ein Freund.