Leseprobe aus dem heiteren Liebesroman

Sebastian und das große Geld

Als Astrid eine halbe Stunde später nach unten kam, stand Cäsar in der Halle und verhandelte mit dem Chauffeur, einem Herrn Clasen. Bei ih­rem Anblick wurde sein Gesicht freundlicher. Er ließ den Chauffeur einfach stehen und ging ihr entgegen.

“Haben Sie gut geschlafen, Frau Schumann?”, erkundigte er sich.

“Danke, sehr gut. Ich bin erst von dem schrecklichen Hupen aufge­wacht.”

“Es gibt Menschen, die haben weder Sitte noch Anstand”, be­merkte Cäsar so laut, dass es Max Clasen hören musste. “Obwohl er ja nur ein Werkzeug seines Herrn ist”, fügte er hinzu. “Unser Herr Graf war so ein feiner, ruhiger Mensch. Er hätte niemals so ein Aufsehen verursacht.”

“Cäsar!”, klang aus den Esszimmer eine herrische Stimme. “Verdammt noch mal, wo bleiben Sie denn?”

“Keine Aufregung, der kann warten”, erklärte der Butler. “Basti ist noch draußen. Heute ist herrliches Wetter. Wir könnten Ihnen das Frühstück auf der Terrasse servieren lassen, dann bliebe Ihnen noch etwas die Bekanntschaft jenes Herrn da drinnen erspart.”

“Cäsar!”

“Ich frühstücke im Esszimmer”, entschied Astrid. “Und es wäre wohl auch besser, wenn Sie hineingehen, sonst fliegt womöglich demnächst das Geschirr durch die Gegend.”

Gefolgt von Cäsar betrat sie das Esszimmer. Am gedeckten Tisch saß ein alter Herr mit weißen Haaren. Neben ihm lehnte ein herrlich geschnitzter Krückstock mit silbernem Knauf. Bernhard von Ludin war dabei, ein Hörnchen dick mit Butter zu bestreichen. Bei ihrem Eintritt hob er den Kopf.

“Wer sind Sie denn?”, schnauzte er. “Gehören Sie zum Perso­nal?… Cäsar, da sind Sie ja endlich! Ist es üblich, sich nach Ihnen die Kehle wund zu schreien? Wird Zeit, hier einmal mit einem eisernen Besen zu kehren. Haben Sie die­sen schrecklichen Köter eingesperrt? Ich möchte nicht, dass er mir noch einmal vor die Füße läuft, sonst wird ihn mein Chauf­feur ins nächste Tierheim bringen.”

“Sebastian gehört zu Ludin”, warf Astrid ein, bevor der Butler antworten konnte. Sie fühlte, wie es in dem alten Mann kochte. “Im übrigen ist Sebastian kein schrecklicher Köter, sondern ein besonders liebenswerter Hund.” Sie setzte sich an den Tisch.

“Ich fragte Sie bereits einmal, wer Sie sind”, herrschte Bernhard von Ludin sie an.

“Genau wie Sie ein Erbe, Herr von Ludin”, erklärte Astrid amüsiert. Sie stellte sich vor. “Cäsar, ich hätte gern Kaffee”, wandte sie sich an den Butler, da die auf dem Tisch stehende Kanne bereits leer war.

“Ich lasse sofort welchen bringen, Frau Schumann”, ver­sprach Cäsar und schlurfte hinaus.

Hinter der Stirn des alten Herrn begann es zu arbeiten. Missbilligend blickte er sie an. “Wie sagten Sie, war Ihr Name?”

“Astrid Schumann.” Die junge Frau bediente sich aus dem Brötchenkorb.

“Nie gehört!”

“Ich hatte Ihren Namen auch nie zuvor gehört”, antwortete Astrid freundlich. “Und wie mir gesagt wurde, werden noch zwei weitere Erben erwartet.”

“Erben! Ich höre immer nur Erben!”, ereiferte sich Bernhard von Ludin. Ärgerlich griff er über den Tisch nach der Käse­platte und stieß dabei seine Tasse um. Ein hellbrauner See aus Milchkaffee ergoß sich über das Tischtuch und tropfte auf den Teppich.

“Cäsar!”, schrie Bernhard von Ludin. “Oh je, der kostbare Teppich! Cäsar!”

“Kein Grund, in Panik auszubrechen.” Astrid tupfte den See mit einer Serviette auf. “Zudem gibt es eine Klingel.”

“Der Kaffee ruiniert mir den Teppich”, jammerte Bernhard von Ludin. Er griff sich mit beiden Händen in die spärlichen wei­ßen Haare. “So tun Sie was!”, herrschte er Astrid an.

In diesem Moment stürmte Sebastian ins Esszimmer. Er wollte sich erst freudig auf Astrid stürzen, entdeckte dann jedoch Bernhard von Ludin am Tisch. Mit langen Sprüngen stürmte er auf ihn zu. Der alte Herr griff nach seinem Krückstock, um ihn abzuwehren, da wurde er ihm von Sebastian schon aus der Hand gerissen.

Astrid sprang auf. “Basti, gib den Stock her.” Sie streckte die Hand aus.

Der Bernhardiner wich zurück. Ohne den Stock aus der Schnau­ze zu nehmen, blickte er sie aus großen Augen treuherzig an, ging langsam auf sie zu und legte ihr den Stock mit ei­nem Seufzer vor die Füße.

“Brav, Basti, ganz brav”, lobte Astrid und drückte den Kopf des Bernhardiners an sich.

“Geben Sie mir den Stock!” Bernhard von Ludin streckte die Hand aus, um sie gleich darauf zurückzuziehen, weil Sebastian, der einen Angriff auf Astrid fürchtete, die Lefzen hochzog und gefährlich knurrte.

“Schon gut, Basti.” Astrid schlug ihm liebevoll auf den breiten Rücken. “So, und nun lauf zu Cäsar und Maria.” Sie schob ihn in Richtung Tür. “Hier haben Sie Ihren Stock, Herr von Ludin.” Mit einem ironischen Lächeln fügte sie hinzu: “Wie Sie sehen, ist er unbeschädigt.”

“Hätte auch gerade noch gefehlt.” Der alte Herr lehnte den Stock gegen einen Stuhl. “Dieser Kaffeefleck! Der ganze Teppich ist ruiniert. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was so ein Teppich kostet?”

Marianne kam mit dem Kaffee für Astrid ins Zimmer.

“Herr von Ludin hat versehentlich seine Tasse umgestoßen. Wären Sie so nett und würden dafür sorgen, dass der Fleck auf dem Teppich ab­getupft wird?”, wandte sich Astrid an das Hausmädchen.

“Gern, Frau Schumann.”

“Eines steht fest, sobald ich hier das Sagen habe, kommt der Köter weg”, ereiferte sich Bernhard von Ludin. “Und wenn ihn kein Tierheim aufnehmen will, wird er eben…”

“Noch sind Sie nicht Herr auf Ludin”, fiel ihm Astrid auf­gebracht ins Wort. “Und verlassen Sie sich darauf, dem Hund wird kein Haar gekrümmt.”

“Für eine Dame höchst zweifelhafter Herkunft nehmen Sie den Mund recht voll”, bemerkte der alte Herr.

“Wie meinen Sie das?”

“Um es ganz deutlich auszudrücken, ich halte Sie für eine Erbschleicherin, junge Frau. Der Name Schumann ist in unserer Familie noch nie vorgekommen.” Bernhard von Ludin stand unsicher auf, griff nach seinem Stock und stützte sich darauf. “Ich werde mir mal das Schloss vom Keller bis zum Dachboden ansehen. Schließlich muss man seinen Besitz kennen.”