Leseprobe aus dem Jugendbuch

Shalom, Jordana!

„Leide ich an Halluzinationen oder ist es Wirklichkeit, was ich da sehe?“ Ralph blieb so abrupt auf dem Treppenabsatz stehen, dass Stefanie, die hinter ihm die Treppe hinabstieg, fast auf ihn gefallen wäre.

Jordana drängte sich an den beiden vorbei, eilte die letzten Stufen hinunter und lief durch die Hotelhalle zum Eingang, wo Raffi mit strahlendem Gesicht in einem Sessel saß.

„Wissen Aba und Ima, dass du hier bist?“

„Shalom Dani!“ Wie immer, wenn er etwas wollte, sagte er Dani. „Ich habe ihnen einen Zettel auf den Küchentisch gelegt.“

„Du bist also einfach losgezogen?“, stellte Ralph fest. „Ich hielt dich für vernünftiger.“ Ralph hätte am liebsten losgelacht, trotzdem er bemühte sich um die Autorität des Älteren in seiner Stimme.

„Freut ihr euch denn gar nicht?“ Es klang ziemlich kleinlaut. Raffi sah Stefanie an. Auch von dort kam keine Hilfe. Stefanie schüttelte nur den Kopf.

„Nein“, sagte Jordana. „Du weißt, wie leicht Ima sich aufregt.“ Sie drehte sich um und ging zur Rezeption, um ihre Eltern anzurufen.

„Wie bist du überhaupt hergekommen?“, fragte Ralph.

„Mit einem Lastwagen.“ Raffi lauschte auf Jordanas Worte, die gedämpft zu ihnen herüber klangen. Sie sprach mit ihrer Mutter. Schließlich legte sie den Hörer auf.

„Wenn wir wollen, können wir ihn mitnehmen“, sagte sie. „Ima wollte uns gerade anrufen.“

„Wenn du mein Bruder wärst, würdest du eine ordentliche Tracht Prügel bekommen“, verkündete Ralph.

Die Drohung schien Raffi nicht sonderlich zu beeindrucken. „Man schlägt keine Kinder“, maulte er, stand auf, ergriff sein kleines Bündel und hängte sich bei Stefanie ein. „Darf ich mitkommen?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Jordana sah Ralph an, dieser Stefanie und Raffi. „Meinetwegen“, sagte er lachend.

* * *

Knapp zwei Stunden später fuhren sie durch die neuen Wohnviertel Akkos. Vor der Altstadt stellten sie den Wagen ab und gingen zu Fuß weiter.

„Hast du schon mal etwas von Eli Cohen gehört?“, fragte Stefanie ihren Bruder, als sie durch den nach ihm benannten Park spazieren gingen.

„Der Spion, der aus der Wüste kam?“

„Du hast das Buch gelesen?“, fragte Jordana.

„Vor einigen Jahren. Ich habe schon immer eine Schwäche für Spione gehabt.“

„Er ist am 17. Mai 1965 hingerichtet worden“, sagte Jordana. „Seinen Informationen war es hauptsächlich zu verdanken, dass Israel damals den Krieg gewonnen hat.“

„Ich weiß“, erwiderte Ralph. „Es ist mir ein Rätsel, wie er es geschafft hat, monatelang in der syrischen Hauptstadt zu leben und bis zu den höchsten Regierungsstellen vorzudringen.“

„Wenn ich groß bin, werde ich auch ein Spion wie Eli Cohen“, erklärte Raffi.

„In deinem Alter wollte ich Astronaut werden“, sagte Ralph.

„Spione sind wichtiger für Israel“, argumentierte Raffi.

Über die Weizmann-Straße gelangten sie in die Altstadt. Eine ausgetretene Treppe führte auf den Rundgang der Wälle. Von hier aus konnten sie die gewaltigen Befestigungsanlagen des Ahmed Jezzar überblicken. Sie setzten sich auf eine der zwischen den Anlagen stehenden Bänke. Jordana nahm ein schmales Buch und las aus der Geschichte von Akko.

„Akko war bereits unter den Phöniziern eine bedeutende Hafenstadt. Es wird behauptet, dass hier das Glas erfunden wurde. Nacheinander gehörte die Stadt den Griechen, den Ptolemäern, den Seleukiden und schließlich den Römern.

Im Jahre 636 wurde Akko von Arabern erobert, die die alten Befestigungsanlagen ausbauten. Trotz seiner Stärke fiel es vierhundertsiebzig Jahre später in die Hände der Kreuzfahrer. Unter dem Namen Saint-Jean-d‘Acre wurde es der bedeutendste Hafen des damaligen Königreiches Jerusalem. Nach der Schlacht von Hittim verloren es die Kreuzfahrer an Sultan Saladin, konnten es aber vier Jahre später zurückerobern. Erst Ende des zwölften Jahrhunderts wurden sie von den Mamelukken endgültig vertrieben.

Für Jahrhunderte hatte Akko seine Bedeutung verloren. Mit den Aufbauarbeiten wurde erst Mitte des 18. Jahrhunderts unter dem Beduinenscheich Daher-el-Omar begonnen. Daher-el-Omar wurde von dem Türken Ahmed Jezzar ermordet. Unter der Herrschaft Ahmed Jezzars entwickelte sich Akko zu einem kleinen Istanbul. 1799 belagerte Napoleon die Stadt. Nach sechzig Tagen musste er den Rückzug antreten. Akkos Mauern hatten seinem Angriff widerstanden.

In den darauffolgenden Jahren bis zur englischen Mandatszeit wechselte Akko noch einige Male den Besitzer. Sein Schicksal war mit der Erfindung der Dampfschifffahrt besiegelt. Der Hafen der Stadt konnte nicht modernisiert werden und versandete allmählich. Erst nach dem Krieg, als unsere Soldaten Akko innerhalb von drei Tagen eroberten, nahm die Stadt einen neuen Aufschwung.“

Sie standen auf und gingen auf den Wällen zum Burj El-Kommandar, dem nördlichen Eckturm der Mauer. Weit schweifte von hier der Blick über die Altstadt und das umliegende Land. Auf einem Teil der Befestigungsmauern und dazwischen waren Gemüsepflanzungen angelegt worden. Die Dächer der Altstadt bildeten ein Gewirr von Kuppeln, Dachgärten und Türmen. Aus all dem ragte das weiße, schlanke Minarett der Ahmed-Jezzar-Moschee.

Über eine sanft nach unten abgleitende Mauer verließen sie die Wälle, gingen durch einen Hof mit verfallenen hohen Häusern und gelangten in ein schmales Gässchen. Dann erreichten sie die Weizmann-Straße. Bald darauf standen sie vor der Ahmed-Jezzar-Moschee.

Eine weiße Treppe führte in den von einer hohen Mauer umgebenen Vorhof. Der Hof wurde von Palmen und Zypressen gesäumt. Überall gab es bunte, herrlich duftende Blumen und Sträucher. Um die kleinen Gebetsnischen in der Innenmauer wanden sich rote Ranken.

Ein Wärter im weißen Burnus sorgte dafür, dass die Besucher der Moschee „anständig“ gekleidet waren. Einige Touristinnen, die sich den Hof ansehen wollten, mussten lange bunte Tücher anlegen, um ihre nackten Beine zu bedecken.

Mitten im Hof erhob sich die Moschee. Ahmed Jezzar hatte das Baumaterial auf dem Seeweg aus Cäsarea und Attlit holen lassen. Viele der Säulen und Marmorpfeiler hatten vorher Tempel und Paläste vergangener Epochen geschmückt.

Sie streiften die Sandalen von den Füßen und traten in das Gebäude. Der Boden war mit weichen Teppichen bedeckt. Ralph wollte nach vorn gehen. Jordana hielt ihn zurück. Sie zeigte auf die in der Mitte des Raumes betenden Männer.

Die weißgekalkten Wände waren mit blauen, grünen und braunen Ornamenten geschmückt. Dazwischen verliefen Sprüche aus dem Koran. Dennoch wirkte der Betraum im Gegensatz zu dem prachtvollen Äußeren der Moschee einfach, ja fast nüchtern.

Nach dem Besuch der Moschee gingen sie durch Gassen mit den hohen schmutzig braunen Häusern. Ralph fiel auf, dass viele Häuser zur Gasse hin keine Fenster hatten. Diese Häuser besaßen einen Innenhof; ihre Räume erhielten alles Licht vom Hof her.

Das städtische Museum war im einstigen türkischen Dampfbad untergebracht. Durch einen dunklen Korridor gelangten sie in die Baderäume. Auf den hohen Steinbänken, wo früher die Badegäste saßen, standen die Ausstellungsstücke.

Nach der Besichtigung des Museums überquerten sie die Straße und gelangten zur Krypta der Johanniter. Eine Holztreppe führte in ein von drei mächtigen Pfeilern getragenes Gewölbe.

„Während der Kreuzfahrerzeit war Akko der Sitz des Johanniterordens“, erzählte Stefanie, die vor zwei Jahren schon einmal hier gewesen war. „Die Tür, durch die wir gegangen sind, war ursprünglich ein Fenster der Krypta. Akko lag zu jener Zeit weit unter dem heutigen Straßenniveau.“

„Das heißt also, dass unter der heutigen Stadt die Gebäude der Kreuzfahrerzeit liegen“, stellte Ralph fest.

„Genau. Ich nehme an, dass es unter uns mehr Gänge und Gewölbe gibt, als jemals entdeckt werden können.“ Stefanie blickte ihren Bruder belustigt an. „Ich fühle förmlich, wie es dir in den Händen kribbelt. Man kann nicht die ganze Stadt abreißen, bloß um die Ruinen aus der Kreuzfahrerzeit freizulegen.“

Raffi hatte inzwischen an einem der Pfeiler eine noch weiter in die Tiefe führende Treppe entdeckt und kletterte nach unten. Die anderen folgten ihm. Halbdunkle, verästelte Gänge führten in weitläufige Hallen. Überall stapelten sich Säulen und mit Ornamenten verzierte Mauerteile.

„Wir sind hier in der Posta“, sagte Jordana. „Man nimmt an, dass diese Gewölbe den Kreuzfahrern als Lazarett gedient haben. Während der osmanischen Herrschaft war hier die Post untergebracht.“

„Und woher stammen die Säulen, die Arkaden und Mauerteile?“, fragte Ralph.

„Höchstwahrscheinlich benutzte Ahmed Jezzar die Gewölbe als Lager für die aus Cäsarea und Attlit herangeholten Baumaterialien.“

* * *

„Man fühlt sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt“, sagte Stefanie, als sie kurz darauf durch den orientalischen Markt gingen. Araber in alten Trachten, Bettler und zerlumpte Kinder bevölkerten die Straßen. Zwischen den Verkaufsbuden wurden Esel entlanggetrieben, und kleine Mädchen trugen anmutig den Brotteig für die Pitot in flachen Körben auf ihren Köpfen.

Es gab auffallend viele dunkelhäutige Araber. Wie Ralph erfuhr, waren es Nachkommen von Sklaven. In Akko hatte früher der Sklavenhandel geblüht.

Schließlich gelangten sie zum Khan-el-Umdan, einer ehemaligen Säulenkarawanserei, die Ende des 18. Jahrhunderts von Ahmed Jezzar erbaut wurde.

Um den viereckigen Innenhof zogen sich hohe, zusammenhängende Gebäude. Zu ebener Erde lagen die Stallungen, darüber erhoben sich von Säulen getragene Galerien mit Wohnräumen. Dort, wo früher einzelne Reisende unterkamen, lebten inzwischen ganze Familien. Über der bröckeligen Balustrade hingen Decken, Teppiche und Wäschestücke. Speisegerüche lagen in der Luft, und von überall her klangen die Stimmen spielender Kinder.

Über eine dunkle Treppe stiegen sie auf das Dach des Khans, wo ein hoher Turm aufragte. Jordana ging auf die Tür zu, drückte die Klinke und rief: „Sie ist offen. Kommt!“

Die schmalen, nach oben führenden Stufen, endeten an einer senkrechten Eisenleiter. „Ich gehe vor“, erbot sich Raffi. Die anderen folgten ihm, wenngleich Stefanie leise Zweifel an der Tragfähigkeit der Plattform hegte.

Von oben konnten sie bis nach Haifa blicken. Jordana wies auf das Gassengewirr und erklärte ihnen, welchen Weg sie nun nehmen würden.

Sie wandten sich dem Meer zu und gelangten auf einen malerischen, von Ruinen eingerahmten Platz. Zwischen ausgespannten Fischernetzen tummelten sich Kinder. Am Anlegesteg schaukelten vertäute Kähne im Wasser.

„Das ist alles, was vom Hafen Akkos erhalten geblieben ist“, erklärte Jordana.

Sie kletterten eine schräge Mauer hinauf. Vor ihnen ragten die Zinnen der Seebefestigung auf. Solange es ging, blieben sie auf der Mauer. Als eine große Breche kam, mussten sie über Mauerbrocken auf die Straße hinunterspringen.

„Ich verstehe nicht, dass man das alles so verfallen lässt“, beklagte sich Ralph.

„Du ahnst nicht, wie viel Geld die Erhaltung von solchen Altertümern kostet“, erwiderte Jordana. „In den letzten Jahren sind in Akko große Anstrengungen unternommen worden, um möglichst viel in den alten Stadtteilen zu restaurieren. Alles auf einmal geht nicht.“

Sie befanden sich inzwischen auf der Hagana-Straße. Links von ihnen zog sich der Seewall hin, rechts erhoben sich alte Häuser. Beim Burje el-Kuraijim, der Bastion am Nordwestende des Walls, bogen sie zur Zitadelle ab.

Die Zitadelle erhebt sich über den Fundamenten einer Kreuzfahrerfestung. Sie ist im 18. Jahrhundert von Ahmed Jezzar errichtet und in späteren Jahren unter seinen Nachfolgern ausgebaut worden. Türken und später Engländer benutzten sie als Gefängnis. Unzählige jüdische Freiheitskämpfer waren hier eingekerkert.

„Heute befindet sich in der Zitadelle eine Anstalt für Gemütskranke“, bemerkte Raffi.

Nachdem sie die Eintrittskarten gelöst hatten, gingen sie durch die Grünanlagen zu der Brücke, die den Burggraben überspannte. An der Brücke standen viele Touristen und machten Fotos von dem mächtigen Bauwerk.

Nach dem Krieg von 1948 war in einem Teil der Zitadelle das sogenannte Tapferkeitsmuseum eingerichtet worden. Neben den Zellen der einstigen Untergrundkämpfer wurden Bilder, Uniformen, Waffen und andere Erinnerungsstücke an jene Tage gezeigt. In der Hinrichtungskammer brannte das ewige Licht.

Ralph fröstelte, als er den Galgen sah.

„Was du hier siehst, ist Israels Weg zum Staat. Ohne diese Frauen und Männer wäre unser Wunsch wohl niemals in Erfüllung gegangen“, meinte Jordana nachdenklich.

Die englische Regierung hatte 1917 durch Lord Balfour den Juden einen eigenen Staat in Palästina versprochen. Den Arabern gegenüber hatten sie für deren Hilfe im Ersten Weltkrieg ebenfalls Versprechungen gemacht. Antijüdische Beamte im Mandatsgebiet schürten nun noch den Konflikt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen, indem sie den Arabern rieten, keinerlei Konzessionen zugunsten der Juden zu machen, sodass sich die Lage total im Sinne der Araber veränderte.

„Ein großer Teil der während der NS-Zeit in Europa umgekommenen Juden hätten gerettet werden können, wenn die Engländer ihre strengen Einwanderungsbeschränkungen aufgehoben hätten“, erzählte Jordana. „Als die Engländer in den Zweiten Weltkrieg verwickelt wurden, forderten sie die jüdische Jugend Palästinas auf, eine jüdische Brigade aufzustellen, die gegen die Deutschen eingesetzt werden sollte. Fünfzigtausend Frauen und Männer kämpften auf englischer Seite, während die Engländer von den Arabern keine Hilfe erwarten konnten. Trotzdem änderte sich die Politik Englands nicht. Die Einwanderungsbeschränkungen blieben bestehen; die Verhältnisse verschlechterten sich noch. Die Hagana, die gegründet worden war, um jüdische Siedlungen und Einrichtungen vor arabischen Terroranschlägen zu schützen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg sogar verboten. Neben der Hagana hatten sich im Laufe der Jahrzehnte noch andere Widerstandsgruppen gebildet. Sie hatten zwar alle das gleiche Ziel, wollten dieses aber nicht unbedingt mit friedlichen Mitteln erreichen, wie es die Hagana anstrebte. Sie beantworteten den arabischen Terror mit Gegenterror.“

Schweigend gingen sie durch die Gewölbe. Ralph hätte gern etwas gesagt, um den Grabeshauch, der aus allen Ecken zu dringen schien, zu verscheuchen. Doch was sollte er sagen? Die Juden waren zu oft von den anderen Völkern betrogen worden.

4.

Es war schon dunkel, als Ralph mit Jordana, seiner Schwester Stefanie und Raffi nach Rosh Hanikra fuhr. Den Nachmittag hatten sie zu einem Ausflug in die galiläischen Berge genutzt und auch die erst vor wenigen Jahren gegründete Stadt Karmiel besucht.

Die Straße führte in Serpentinen den Berg hinauf. Auf seiner Höhe befanden sich die üblichen Andenkenbuden, Parkplätze und ein großes Restaurant. Bevor sie mit der Gondel in die Tiefe fuhren, gingen sie zum Schlagbaum, der hier Israel vom Libanon trennt. Ein Stück Niemandsland lag vor ihnen.

Sie stiegen eine schmale Treppe zum Gondelhalteplatz hinab. Raffi hüpfte erwartungsvoll vor ihnen her. Er war noch nie mit einer Gondel gefahren und stellte sich darunter etwas sehr Aufregendes vor.

Langsam schwebte die Gondel zum Meer hinunter und hielt auf einer breiten, mit Gesteinsbrocken bedeckten Plattform.

„War das alles?“, fragte Raffi enttäuscht.

„Mir reicht es“, entgegnete Stefanie.

Bevor sie den Stollen betraten, der zu den Grotten führt, lehnten sie sich über das Eisengitter, das die Plattform sicherte. Schäumend brach sich das Meer an den Felsen. Gischt spritzte auf und fiel auf die Steine zurück.

Über Brücken und durch Gänge gelangten sie in mehrere größere und kleinere Grotten. Einmal sprangen sie nicht rechtzeitig genug von der Brüstung zurück und wurden mit Wasser überschüttet. Die Beleuchtung in den einzelnen Höhlen war so geschickt angebracht, dass Steine und Wasser in den verschiedensten Farben glitzerten.

„Hallo, hallo!“, schrie Raffi. Seine Stimme kam als mehrfaches Echo zurück.

Wieder im Freien, gingen sie zur gegenüberliegenden Seite der Plattform. Zwischen ihr und einer sich steil aufrichtenden Felswand brauste unter ihnen das Meer.

Jordana zeigte auf einen zugemauerten Tunnel. „Hinter diesem Felsen beginnt der Libanon“, sagte sie. „Durch den Tunnel fuhr früher die Haifa-Damaskus-Bahn. Eine Brücke überspannte das Meer, und die Schienen führten weiter in den Tunnel, der neben den Grotten liegt. Während des Unabhängigkeitskrieges wurde die Brücke gesprengt.“

„Teile der Brücke liegen noch immer im Wasser“, sagte Stefanie und zeigte nach unten.

Ralph beugte sich über den Damm aus Sandsäcken, der den Felsenvorsprung zum Meer hin sicherte. Im schwachen Licht erkannte er Mauerreste und Schienenstränge.

„Raffi!“, rief Jordana. Der gab keine Antwort. „Raffi!“

„Eben stand er noch neben mir“, sagte Stefanie und blickte sich um.

„Vielleicht ist er zu den Grotten zurückgelaufen“, vermutete Ralph.

„Das glaube ich nicht.“ Jordana rief erneut den Namen ihres Bruders.

Von unten kam es leise: „Hier bin ich!“

Sie beugten sich über den Felsen. Tief unter ihnen auf einem im Wasser liegenden Gesteinsbrocken stand Raffi.

„Komm sofort herauf!“, befahl Jordana zornig.

„Ich kann nicht“, kam es kläglich zurück.

„Ich hole ihn hoch“, bot Ralph an.

„Nein, ich kann besser klettern als du“, widersprach Jordana. Ehe Ralph es verhindern konnte, begann sie mit dem Abstieg.

Ralph und Stefanie lagen auf dem Sandsack-Damm und blickten gebannt in die Tiefe. Jetzt stand Jordana neben Raffi. Es klatschte. Der Junge schrie empört auf.

Sie hörten, wie Jordana ihren Bruder auf Hebräisch ausschalt. Stefanie lachte. „Kannst du etwas verstehen?“, fragte Ralph.

„Sie nennt ihn Baby. Etwas Schlimmeres könnte sie ihm gar nicht sagen.“

Ein scharfer Pfiff ertönte. Sie drehten sich um. In der Nähe der Gondelhaltestelle lag hinter Sandsäcken ein Soldat mit einem Maschinengewehr. Er rief auf Englisch zu ihnen herüber.

„Wir sollen machen, dass wir fortkommen!“, schrie Ralph zu Jordana hinunter.

Jordana sprang auf den gegenüberliegenden Felsbrocken und streckte Raffi eine Hand entgegen. Mit der anderen hielt sie sich an den Steinen fest. Der Junge ergriff ihre Hand und sprang. Er verfehlte den Felsen um einige Zentimeter, hing für einen Augenblick halb im Wasser, bevor er von Jordana heraufgezogen wurde.

Die nächsten Felsbrocken lagen näher zusammen. Schließlich standen beide auf einem leicht zum Meer abfallenden Felsstück. Jordana klammerte sich mit einer Hand an den Felsen und schob Raffi vor sich her. Endlich hatten beide die Plattform erreicht.

Wie ein Häufchen Unglück stand Raffi vor Stefanie und Ralph. „Nie wieder, hörst du, nie wieder darfst du so etwas tun“, schalt Ralph. „Was hätte dir und auch Jordana nicht alles passieren können! Wie bist du überhaupt hinuntergekommen?“

„Das ging ganz leicht. Zuletzt habe ich mich bloß nicht mehr zu springen getraut.“

„Mir ist die Hand ausgerutscht“, sagte Jordana. Es klang nicht sehr glücklich.

„Nimm es nicht so schwer“, meinte Ralph. „Verdient hatte er es auf jeden Fall.“

„Wer ein Kind schlägt, zerstört seine Persönlichkeit“, murrte Raffi, während sie auf die Gondel warteten.

„Über deine Persönlichkeit unterhalten wir uns später“, drohte Jordana.

Raffi blickte seine Schwester unsicher an. Jordana wandte den Kopf. Ralph gewahrte, dass sie schmunzelte. Auch Raffi hatte es gesehen. „Du lachst“, stellte er erleichtert fest. „Du bist mir nicht mehr böse? Gehen wir Eis essen?“

„Meinst du wirklich, dass du es verdient hast?“, fragte Stefanie.

„Nein. Aber ich esse gern Eis.“

„Trotzdem gibt es keines“, entschied Jordana.

„Dann könnt ihr auch kein Eis essen!“

„Wer sagt, dass wir nicht können?“, fragte Ralph. „Ungezogene kleine Jungen wie dich bindet man vor dem Restaurant an.“

* * *