So frei wie der Wind

Aus dem Buch ‘An einem Freitagabend’

Wir waren am Vortag auf dem Ben Gurion-Airport gelandet, hatten in Tel Aviv übernachtet und befanden uns nun auf dem Weg nach Masada. Auch früher waren wir diese Straße schon gefahren. Ich erinnere mich an kahle Wüstenberge, ockerfarbenen Sand, endlose Steinfelder … Und dann die Ortschaften, kleine Oasen in einer fast unendlichen Weite! Jenseits der Straße tauchen Beduinenzelte auf, treiben Kinder Ziegen durch die karge Landschaft, schreiten Kamele wiegend dahin. Über uns ein strahlend blauer Himmel …

Ich liege gut gesichert auf dem Rücksitz des Wagens. Vor mir sitzt mein Vater. Während der Fahrt spricht er zu mir, erzählt mir von meiner Kindheit, meinem ersten Ritt auf einem Kamel, die Abende am Lagerfeuer. Fast glaube ich, meine Mutter vor mir zu sehen, wie sie vom Feuer angestrahlt ‚orcha bamidbar‘ singt, das Lied über eine Kamelkarawane in der Wüste. Ihr ‚ding dong, ding dong‘ klingt in die Nacht.

Sie ist bei uns, ich kann sie spüren, auch wenn sie seit jenem schrecklichen Unfall im Koma liegt. Sechs Wochen ist das her, sechs lange Wochen … Es passierte an unserem letzten Urlaubstag mitten in Berlin. Ein überfahrenes Stoppschild und von einer Sekunde zur anderen veränderte sich alles.

Vorsichtig lenkt mein Vater den Wagen hinter Arad die gewundene Bergstraße zum Toten Meer hinunter. Um uns herum grandiose, von Wind und Wetter ausgewaschene Wüstenberge, die unsere Fantasie zum Klingen bringt. Und dann erreichen wir Masada, wo im Jahre 73 neunhundertsechzig Menschen Selbstmord begingen, um nicht in die Hände der Römer zu fallen.

Behutsam hebt er mich aus dem Wagen und trägt mich zu der Seilbahn, die auf das Bergplateau mit den Ruinen der Festung hinaufführt. Von dort oben hat man einen einzigartigen Blick über das Tote Meer bis nach Jordanien hinüber.

Er geht mit mir vorsichtig über das Plateau zum Palast des Herodes, der sich über drei Ebenen erstreckt. Wir steigen bis zur Säulenhalle hinunter. Ist es wirklich erst sechs Monate her, seit meine Eltern und ich hier an der Brüstung standen und den Sonnenuntergang genossen? Ich liebe es, wie die Berge im Abendlicht ihre Farben verändern.

Auch jetzt geht die Sonne unter und verzaubert alles um uns herum mit ihrem Licht. Tief unten im Tal treibt ein Beduinenjunge seine Ziegen über das Geröll. Ein leichter Wind streicht über Masada hinweg, wirbelt Staub, Sand und winzige Steinchen auf.

Die untergehende Sonne färbt den Himmel blutrot. Der Wind nimmt zu. Mein Vater stellt mich auf die Brüstung. Seine Hände zittern. „Es wird Zeit Abschied zu nehmen“, flüstert er. Noch ein kurzes Zögern und dann bin ich frei, so frei wie der Wind, der meine Asche mit sich trägt.