Terry 2005                                                              Terry im Alter von 12 Jahren

Terry ist der zweite Hund, den wir über das Tierpflegenest Backnang aus Griechenland bekommen haben. In den vergangenen zwölf Jahren hat es nicht eine Minute gegeben, in der wir es bereut hätten, ihn bei uns aufgenommen zu haben.

Als wir unseren Ari mit fünfzehneinhalb Jahren im Mai 2005 einschläfern lassen mussten, konnten wir uns nicht vorstellen, schon bald mit einem neuen Vierbeiner unser Leben zu teilen. Wir hatten Ari über alles geliebt und es erschien uns unmöglich, einem neuen Hund diese Liebe schenken zu können. Aber nach einigen Wochen hielten wir es ohne Hund nicht mehr aus und suchten im Internet. Auf der Seite des Tierpflegenestes Backnang fanden wir das Foto eines Hundes, der unserem Ari ähnelte. Als wir ihm dann gegenüberstanden, erkannten wir natürlich sofort, dass die Ähnlichkeit sich in Grenzen hielt. Billy war drei Jahre alt. Er stammte von der Insel Korfu und litt an Leishmaniose, worauf wir sofort hingewiesen wurden. Bis dahin hatten wir noch nie von dieser Krankheit, die durch Stechmücken übertragen wird, gehört. Sie konnte jederzeit wieder ausbrechen. Um das zu verhindern, musste Billy jeden Tag seine Tabletten einnehmen.

Billy war ein unwahrscheinlich sanfter Hund, der sich uns innerhalb kürzester Zeit anschloss, obwohl er sich im Tierpflegenest nach den Schrecken, die er in seiner Vergangenheit erlebt hatte, wie im Paradies fühlen musste.
Billy war etwas ganz Besonderes, was nicht nur wir spürten, sondern alle Leute, die mit ihm zusammen kamen. Er liebte es, mit dem Rücken auf dem Boden zu liegen und sich sanft massieren zu lassen. Dabei spürte ich oft die kleinen, harten Erhebungen, die er unter der Haut hatte. Ich nahm an, dass sie mit seiner Krankheit zusammenhingen. Dem war nicht so!

Billy lebte bereits seit dreieinhalb Monaten bei uns, als uns auffiel, dass er sich nicht wohl fühlte. Beim Tierarzt wurde er geröntgt. Wir fielen aus allen Wolken, als wir sein Röntgenbild sahen. Billys Körper steckte voller Schrottkugeln. Es sah aus, als würde es schneien. Sechs Tage kämpfte der Tierarzt um das Leben unseres Billys. Vergeblich! Billy starb, allerdings nicht an der Leishmaniose, sondern an einer Bleivergiftung, verursacht durch die etwa vierzig bis fünfzig Schrottkugeln.

In einem Jahr zwei geliebte Hunde zu verlieren, das geht an die Substanz und wir waren fest entschlossen, uns diesem Schmerz nicht wieder auszusetzen. Unser Ari war alt gewesen und hatte ein schönes Leben gehabt, aber Billy hatte erst seit er in Deutschland lebte erfahren, dass es noch mehr gibt als Angst, Schrecken, Hunger, Durst und Schmerzen. Wenn es nach uns gegangen wäre, wir hätten den Kopf in den Sand gesteckt und in Zukunft um jedes Tierheim einen großen Bogen gemacht.

Das Schicksal wollte es anderes. Eine Woche nach Billys Tod bekam ich einen Anruf aus dem Tierpflegenest. Frau Conrad sagte mir, dass sie mir per eMail ein paar Fotos geschickt hätte.
Widerstrebend schaltete ich meinen Computer ein und rief die Fotos ab. Sie zeigten einen damals etwa vier Monate alten Hund, der eigentlich nur aus Fell, Knochen und offenen Wunden bestand. Der Blick, mit dem er den Betrachter ansah, wirkte hoffnungslos und leer. Nie zuvor hatte ich solche Augen bei einem Hund gesehen. Louis, wie unser Terry damals auf seinen Papieren hieß, war hässlich und nichts ließ darauf schließen, dass es später einmal anders sein würde.

Wir wollten keinen Hund mehr, jedenfalls vorläufig nicht, trotzdem erklärten wir uns bereit, Terry, sobald er nach Deutschland kam, in Pflege zu nehmen. Wir erfuhren, dass Terry in der Zwischenzeit behandelt worden war und etwa sieben Monate zählte. Da das Tierheim in Saloniki die Auflage bekommen hatte, die Anzahl der Hunde zu reduzieren, mussten sofort Pflegestellen gefunden werden.

Wir hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde. Wir kannten von Terry ja nur die drei Bilder, die vor seiner Behandlung aufgenommen worden waren. Er hatte auf der Straße gelebt, dann mit vielen anderen Hunden zusammen. Er hatte immer um sein Futter kämpfen müssen. Er kannte kein Gassigehen, kein warmes Körbchen, niemanden, der ihn von Herzen liebte. Wir rechneten damit, einen Rabauken zu bekommen, der sich nur schwer in unsere Familie einfügen würde und der vermutlich auch große gesundheitliche Probleme mitbrachte.

Zweimal hieß es, Terry würde ausgeflogen. Jedes Mal wurde er auf dem Flughafen von Saloniki wegen irgendwelcher Kleinigkeiten abgewiesen und ins Tierheim zurückgeschickt.

Und dann war es endlich soweit! Ende Oktober 2005 rief Frau Conrad an und sagte uns, Terry wäre angekommen und wir könnten ihn abholen. Er lag noch halb betäubt mit einem vierbeinigen Kameraden in seiner Transportbox, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, denn vor mir lag eine kleine Schönheit. Ich hob Terry aus der Box. Dass er entsetzlich stank, bemerkte ich erst später. So halb betäubt wirkte Terry unendlich hilflos und schutzbedürftig. Schon in diesen ersten Minuten stand fest, dass wir ihn nicht wieder hergeben würden.

Auf der Fahrt zu unserer Wohnung wurde Terry munterer, doch er registrierte noch nicht, was eigentlich mit ihm geschah. Als ich ihn im Korridor unserer Wohnung zu Boden setzte, blickte er sich entsetzt um und verschwand sofort unter meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer. Wir stellten ihm Futter und Wasser hin und bemühten uns, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen.

Terry kam unter dem Schreibtisch hervor, blickte sich ängstlich und verstohlen um, schnappte sich etwas von dem Futter und verschwand mit ihm in seinem Versteck. Tagelang versuchte er, sich so klein wie möglich zu machen. Er zitterte, sobald sich ihm jemand anderes als ich näherte.
Wer kann es ihm verdenken? Stellen wir uns vor, man würde uns betäuben und während wir schliefen in eine völlig neue Umgebung bringen. Würde es uns nicht auch vorkommen, als hätte man uns auf einen fremden Planeten versetzt? Würden wir nicht auch versuchen, uns zu verstecken?
Es war schwierig, Terry unter dem Schreibtisch zum Gassigehen hervorzubekommen. Seltsamerweise wehrte er sich nicht gegen Halsband und Leine. Allerdings musste ich ihn die ersten Wochen die Treppen hinauf- und hinuntertragen. Sie versetzten ihn in Panik.
Mit dem Austreten klappte es nicht, was ich auch nicht erwartet hatte.

Da Terry bei mir schlafen sollte, schloss ich nach meiner Rückkehr die Tür des Arbeitszimmers, damit er sich nicht wieder unter dem Schreibtisch verstecken konnte. Sein Körbchen ignorierte er, stattdessen verkroch er sich unter dem Tisch.
Mitten in der Nacht erwachte ich von einem grauenhaften Gestank. Terry hatte auf dem Teppich ein Pfützchen gemacht und rundherum drei Häufchen drapiert. Natürlich schimpfte ich nicht mit ihm. Was hätte es gebracht, ich hätte den kleinen Kerl nur noch mehr verschreckt. Zudem konnte er ja nicht wissen, dass er nicht in die Wohnung machen durfte. Ich zog mich rasch an und trug ihn die Treppe hinunter, um ihn ins Gras zu setzen. Erfolg gleich Null, er hatte sein Geschäft ja auch bereits erledigt!

Als ich am nächsten Morgen mit ihm spazieren ging, kam uns ein glücklicher Zufall zur Hilfe. Uns begegnete nämlich eine junge Frau mit einem weißen kanadischen Schäferhund namens Yukon. Terry zog mich an der Leine hinter sich her. Er rannte auf Yukon zu und kroch unter seinen Bauch. Es sah lustig aus, wie sein Köpfchen unter dem weißen Fell dieses Riesen hervorschaute.
Innerhalb der nächsten Wochen wurden Yukon und Terry die besten Freunde. Ich bin überzeugt, dass ihm Yukon viel dabei geholfen hat, seine größten Ängste zu verlieren, obwohl sie sich nicht sehr oft sahen. Wenn er mit ihm zusammen war, benahm er sich wie ein verspielter Welpe.

Die ersten vier Wochen lebte Terry, wenn ich nicht mit ihm spazieren ging, fast nur unter meinem Schreibtisch. Sowie er meinen Bruder sah, flüchtete er. Er hatte geradezu panische Angst vor allen Männern. Vermutlich hatte er mit ihnen die schlechtesten Erfahrungen gemacht. Vor allen Dingen befürchtete er, man könnte ihn treten. Man musste nur den Fuß heben, um z.B. über ein Spielzeug zu steigen, schon schrie er schrill auf.
Nach und nach folgte mir Terry auf Schritt und Tritt wie ein Schatten. Dann fasste er endlich Zutrauen zu meiner Schwägerin und wagte es sogar, mit ihr die Wohnung zu einem Spaziergang zu verlassen. Kurz vor Weihnachten hatte es dann auch mein Bruder geschafft, Terrys Vertrauen zu gewinnen. Inzwischen sind die beiden ein Herz und eine Seele. Am liebsten liegt Terry neben ihm auf der Couch und lässt sich den Bauch kraulen.


Wir gewöhnten uns an, sehr leise zu sprechen, da Terry auf jedes laute Wort mit entsetzlicher Angst reagierte. Auch heute, nach zwölf Jahren erschrecken ihn noch laute Worte. Zum Glück sind wir jedoch nicht mehr gezwungen, uns flüsternd zu unterhalten.

Da Terry so sensibel auf jedes laute Wort reagiert, schimpfen wir nicht mit ihm. Hätte er nicht so einen guten Charakter, würde er das ausnutzen, andererseits gibt es auch kaum etwas zu schimpfen. Er ist ein durch und durch liebenswerter Bursche. Er schnappt nicht nach Leuten, er rennt keinen Fahrrädern nach, er klaut nicht, er bellt nur, wenn er wirklich Grund dazu hat. Vor allen Dingen ist er auch sehr verträglich anderen Hunden gegenüber. Um Hunde, denen er nicht traut, macht er einen großen Bogen.Mit der Sauberkeit hatten wir nicht die geringsten Probleme. Bis auf die erste Nacht, als er sein Geschäftchen auf dem Teppich erledigte, ist so etwas nie wieder vorkommen.

Die ersten Wochen war es sehr schwierig, Terry zu ernähren. Er fraß weder Dosen- noch Trockenfutter und auch gekochtes Fleisch nur, um den ärgsten Hunger ein wenig zu stillen. Mit sehr viel Geduld und gutem Zureden gelang es uns, ihn zu einem normalen Fressverhalten zu bringen. Dosenfutter rührt er allerdings auch heute noch nicht an. Wir müssen also für ihn kochen, was wir nicht als Problem empfinden.
Die ersten Jahre vertrug es Terry nicht, länger als eine halbe Stunde allein zu bleiben. Aus diesem Grund sorgten wir dafür, dass immer jemand bei ihm in der Wohnung blieb. Manchmal war das etwas schwierig, doch machbar, weil ich zu Hause arbeite und mein Bruder und meine Schwägerin Rentner sind. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es Freunde, die den Hundesitterdienst übernehmen.
Anfangs hatten wir Angst, auch Terry könnte krank sein, was uns nicht davon abgehalten hätte, ihm ein Zuhause zu geben. Aber Terry ist zum Glück völlig gesund.

Alles in allem ist unser Terry ein absoluter Traumhund. In Griechenland hätte er wieder zurück auf die Straße müssen. Er hätte nicht die geringste Chance gehabt, seinem Elend zu entrinnen. Es sind ja nicht nur Hunger, Durst und Krankheiten, die den Streunern zusetzen, sondern vor allen Dingen auch die Grausamkeit, mit der man sie verfolgt. Solange es Menschen gibt, die im Quälen von Tieren einen Volkssport sehen, muss es auch Menschen geben, die alles daran setzen, diesen verfolgten Tieren zu helfen.

Die meisten der Straßenhunde, die nach Deutschland gebracht werden, sind zutiefst traumatisiert und es erfordert unendlich viel Geduld, ihr Vertrauen zu gewinnen, doch keine Sekunde der Zeit, die man dafür aufbringen muss, ist verloren. Unser Terry wird sein Leben lang ein ängstlicher Hund bleiben und von einigen Zeitgenossen Feigling geschimpft werden. Uns kümmert das nicht und ihn bestimmt auch nicht. Gut, er ist ängstlich und fürchtet sich vor allem Unbekannten, gleichzeitig ist er jedoch ein Hund, dem man ansieht, dass er das Leben genießt und glücklich ist.