Wer klopfet an?

Eine Weihnachtsgeschichte, die sich leider ähnlich in unseren Tagen zugetragen hat.

Aus dem Buch ‘Die Verheißung’.

Zugegeben, sie war nicht gerade eine Zierde der kleinen Stadt. Mit ihren hundertfünfundzwanzig Kilo, den zotteligen Haaren, der schlampigen Kleidung und der Cognacflasche konnte man sie fast einen Schandfleck nennen. Dazu kam, dass sie nicht in den Ort hineingeboren worden war, sondern nur zugezogen. Aber niemand wird als Schandfleck geboren, es sind meist die Lebensumstände, die einen Menschen dazu machen. Und die Lebensumstände waren bei Marianne von Anfang an nicht die besten. Sie hätte ein Sohn werden sollen und das ließen ihre Eltern sie vom ersten Tag an büßen. Also flüchtete sie, sobald sie flüchten konnte. Sie heiratete den erstbesten Mann, scheiterte, verlor dadurch ihre Arbeit, stand auf der Straße, heiratete erneut und scheiterte wieder, weil ihrem zweiten Mann die eifersüchtige Mutter wichtiger war als die eigene Ehefrau.

Es war die Schwiegermutter, die Marianne aus der ehelichen Wohnung warf. Es war kalt und es schneite. Marianne kniete im Schnee, die Hände zum Wohnzimmerfenster erhoben, weinte, flehte, aber die Tür blieb geschlossen. Sie blieb auch geschlossen, als der Ehemann kam, denn er glaubte den Lügen seiner Mutter, er schrie Marianne an, dass sie verrecken solle.

Marianne hoffte, beim Sozialamt Hilfe zu finden. Sie fand sie nicht. Man sagte ihr, dass man sie nirgends unterbringen könnte. Sie sollte zu ihrem Ehemann zurückkehren. Und auch bei der Polizei hoffte sie vergeblich auf Hilfe. Dort sagte man ihr dasselbe. Ihr Mann würde sie sicherlich wieder aufnehmen.

Marianne hatte noch etwas Geld. Sie kaufte sich eine Flasche Cognac und verbrachte mit dieser Flasche die bitterkalte Nacht auf einer Bank im Park. Dort traf sie Gustav. Auch er gehörte zu den Menschen, die es nicht schafften, Fuß zu fassen, doch er besaß eine Wohnung. Er nahm Marianne mit sich nach Hause. Die erste Zeit ging alles gut. Marianne blickte auf. Es gelang ihr, mit hocherhobenem Kopf durch die Stadt zu gehen, sie überhörte das Tuscheln hinter ihrem Rücken. Doch das gefiel weder ihrem Ehemann noch seiner Mutter. Obwohl Marianne die Scheidung bereits eingereicht hatte, ließen die beiden nichts unversucht, um ihr neues Leben zu zerstören. Jeden Tag erfanden sie schrecklichere Lügen über Marianne, jeden Tag nahm das Getuschel zu, ja selbst, als die Ehe längst geschieden war, hörten sie nicht damit auf.

Und die Leute glaubten ihnen, weil sie ihnen glauben wollten und Marianne nicht in ihr Weltbild passte. Marianne lernte es nicht, sich gefällig zu kleiden. Kleidung schien ihr völlig gleichgültig zu sein. Das Getuschel erreichte auch Gustavs Ohren und die Ohren seiner Familie.

Es war die Familie, die Gustav jetzt das Leben zur Hölle machte, die sich in ihrer Ehre beschmutzt fühlte, weil er Marianne schon seit fast zwei Jahren bei sich leben ließ. Und die ständigen Einflüsterungen und Vorwürfe fielen auf fruchtbaren Boden. Immer häufiger kam es zwischen Gustav und Marianne zum Krach. In ihrer Angst schrie sie ihren Zorn hinaus, was die Nachbarn noch mehr gegen sie aufbrachte. Nein, so eine passte nicht in ihre ruhige, gute, saubere Gegend. Wie konnte Gustav nur …

Im Dezember eskalierte die Geschichte. Marianne suchte wieder im Alkohol Zuflucht, war immer häufiger betrunken, scheute sich nicht, in der Öffentlichkeit zu trinken, kleidete sich noch schlampiger als schon zuvor, torkelte mit der Flasche in der Hand durch die Gegend. In Gustavs Wohnung kam es zu entsetzlichen Szenen. Jetzt schrie auch er, bedrohte sie, jagte sie immer öfter aus seiner Wohnung.

So auch am 24. Dezember. Am Morgen hatte Marianne noch Weihnachtsplätzchen gebacken, den Baum geschmückt und gehofft, dass es trotz allem ein friedliches Weihnachtsfest werden würde. Nach dem Mittagessen jagte Gustav sie auf die Straße, ließ ihr nicht einmal Zeit, ihre festen Stiefel und ihren Winterparka anzuziehen, drohte ihr, sollte sie sich noch einmal bei ihm sehen lassen, würde er sie umbringen.

Marianne glaubte ihm, obwohl es dazu keinen Grund gab. Sie rannte auf die Straße hinaus, versuchte wenigstens für die Nacht eine Unterkunft zu finden, aber niemand wollte sie aufnehmen. Mit dem Geld, das sie in ihrer Hosentasche fand, kaufte sie sich zwei Flaschen Cognac. Die Leute tuschelten darüber, meinten, nicht einmal Weihnachten könnte sie das Saufen lassen. Was wussten sie davon,  wie es in ihrem Herzen aussah, von ihrer Resignation? Sie sahen nur sie, machten sich keine Mühe, nach dem Warum zu fragen.

Es war ein eiskalter Tag, die Fenster klirrten vor Kälte, auf den Straßen rutschte man aus, wenn man nicht aufpasste. Die Weihnachtsbeleuchtung wurde eingeschaltet, aus einigen Wohnungen klang der Gesang von Weihnachtsliedern. Man gedachte eines Kindes, das in einer bitterkalten Nacht Unterschlupf in einem Stall gefunden hatte, weil es keine andere Herberge finden ließ.

Aber wo gab es heute noch offene Ställe und Scheunen? Wohin sollte sich heute ein Mensch flüchten, der keine Unterkunft hatte und dem man erklärte, dass es auch keine für ihn geben würde? Marianne zog sich in die Stille des Parks zurück. Sie fror erbärmlich in ihrem dünnen Pullover und den offenen Schuhen. Der Mond spendete ihr etwas Licht. Die erleuchteten Straßen lagen weit entfernt. Sie verschaffte sich mit den beiden Flaschen Cognac eine illusorische Wärme. Erst, als die Nacht immer schwärzer wurde, der Mond hinter einer Wolke verschwand und die Glocken der Kirche zur Mitternachtsmesse läuteten, spürte sie die Kälte nicht mehr.

Marianne starb, während die Bewohner der Stadt Weihnachten feierten. Sie glitt in eine Welt hinüber, in der sie es besser haben würde. In der es Mitleid und Erbarmen gab.

E n d e